Daß ausgerechnet eine Zirkusvorstellung die abgeklärte New York Times zum Schwärmen bringt, ist ungewöhnlich: "Eine überirdische Mischung; eine Sphäre, wo sich Mythos und Zauber treffen." So resümierte das Blatt für die gebildeten Stände Amerikas die Show des Cirque du soleil. Und auch der Reporter des Boston Globe konnte nur stammelnd wiedergeben, was er gesehen hatte: "Ich habe zu meinem Freund gesagt: Wahnsinn, hast du das gesehen. Oh my god, Jesus."

An der gängigen Erwartung läßt sich die Artistengang aus Montreal, die jetzt nach Deutschland kommt, nicht messen. Was sie bietet, ist eine Art Gesamtshow mit Elementen aus Commedia dell'arte, Rockkonzert, Starlight-Expreß, Zirkus und Varieté. Wirbellose Artistenkörper sausen als fliegende Frösche, rasende Hummeln oder torkelnde Glühwürmchen durch die Luft. Dazu rockt und rappt eine Band, mischt Swing mit Jazz, Ethnoklang und Operettensang.

Traditionalisten mögen rügen, derlei habe im Zirkus nichts zu suchen. Aber obwohl die zirzensischen Klassiker wie Jongleure, Bodenakrobaten, Hochseilnummern nicht zu kurz kommen, schert sich der Cirque du soleil wenig um Traditionen. Jeder Salto, jeder Flickflack wird verpackt in dieses zwischen Broadway und Vaudeville flirrende Flair, frech, frivol und auch mal ordinär. Mit den Keep-smiling-Nummern und dem Trommelwirbel bekannter Manegewelten will die Truppe nichts zu tun haben. Schrille Masken, lange Nasen und wildbunte Haarbüschel lassen die Artisten mitunter aussehen, als hätten sie sich gerade aus einem Fellini-Film davongestohlen.

Ein Rückblick: downtown Montreal an einem heißen Sommertag im Jahr 1984. Auf der Rue Guy hat sich eine Menschentraube gebildet. Mittendrin: ein Jongleur, ein Clown, der mit den Leuten seine Späße treibt, ein Feuerschlucker. Nichts als eine vom Zufall zusammengefügte Truppe von Straßenkünstlern. "So hat alles angefangen", erinnert sich Guy Laliberté, der Feuerschlucker von damals. "Irgendwie fanden wir, daß wir ziemlich gut sind, daß wir gut zusammenpassen und daß wir deshalb zusammenbleiben sollten." Ihm gelang es, den losen Haufen zu einem Ensemble zusammenzuschweißen. Die einzelnen Nummern verband er zu einem Programm, organisierte für den bevorstehenden Winter ein Zelt, und schon war der Cirque du soleil geboren und Guy zum Direktor avanciert.

Bereits in den ersten drei Monaten stellte das Team fünfzig Vorstellungen auf die Beine. Eine Tournee durch Kanada machte sie landesweit bekannt. Zwei Jahre nach der Gründung traten die ehemaligen Straßenkünstler mit einer Show bei der Expo-Eröffnung in Vancouver auf. Das war der Sprung über die Grenze. Ob in Los Angeles oder an der Ostküste, der Erfolg der Kanadier überraschte selbst hartgesottene Showgrößen. "Vielleicht liegt es daran, daß wir unsere Wurzeln als Straßenartisten nie vergessen haben", versucht Laliberté zu erklären. "Das Publikum spürt die direkte Spontaneität."

Hinter den Kulissen aber herrscht Akkuratesse. Drei verschiedene Shows zaubert das Ensemble Abend für Abend auf die Bühnen: mit "Mystère" in Las Vegas, mit "Alegria" auf Tournee durch die Staaten und mit "Saltimbanco", dem Programm für den Europabesuch. Mehr als 600 Menschen arbeiten mit; außer den Artisten, Tänzern und Musikern wirken mindestens ebenso viele im Hintergrund. Eine Gruppe von Graphikern beispielsweise, die vom Plakat bis zur Eintrittskarte für den optisch geschlossenen Auftritt sorgt. Oder das Team der Masken- und Kostümbildner.

Schüchterne seien gewarnt: Zuschauer in den ersten sechs Reihen müssen grundsätzlich damit rechnen, als Statisten in skurrilen Späßen der Clowns auf die Bühne gezerrt zu werden.