Am Anfang stehen Photos, kleine, graue Photos, nicht nachgebessert, nicht auf Hochglanz gebracht und vergrößert, sondern so, wie sie im Gepäck oder in der Brieftasche von toten oder gefangenen deutschen Soldaten gefunden wurden. Es sind die erschütternden Bilddokumente eines Vernichtungskrieges.

Das von Hannes Heer und Klaus Naumann herausgegebene Buch "Vernichtungskrieg" figuriert als "Begleitband" zur Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung, die Anfang März 1995 im Hamburger Kulturzentrum Kampnagel eröffnet wurde (siehe die ZEIT Nr. 12/95) und vom 10. Mai an in der Berliner Humboldt-Universität Unter den Linden zu sehen sein wird.

Unter der schnörkellosen Überschrift "Verbrechen" beleuchtet der erste Teil des Bandes in acht Einzelbeiträgen den besonderen Charakter, den der Krieg der Wehrmacht im Osten und im Süden hatte. Der Wiener Historiker Walter Manoschek, Autor des aufsehenerregenden Buches "Serbien ist judenfrei", schildert die Mordpraxis der Wehrmachtbefehlshaber in Serbien, die innerhalb eines Jahres zur Ausrottung sämtlicher Juden führte, ohne daß dabei Kommandos der SS hätten behilflich sein müssen. Wie Manoschek auf der Grundlage von Feldpostbriefen belegen kann, war die rassistische Propaganda bereits zu dieser Zeit in einem solchen Ausmaß in die Hirne auch der einfachen Soldaten und der Truppenoffiziere eingedrungen, daß sie die Judenmordbefehle ohne Skrupel ausführten und ihren Briefen nach Hause - trotz strikten Verbots - Photos von den Massenerschießungen beilegten.

Daß es auf dem Kriegsschauplatz Sowjetunion nicht anders war, wissen wir seit langem. Auch diejenigen, denen es dem Grundsatz nach bekannt ist, mögen sich ins Gedächtnis zurückrufen, welches Feindbild das Oberkommando der Wehrmacht den Soldaten des Ostheeres mit auf den Weg gab: "Was Bolschewiken sind, das weiß jeder, der einmal einen Blick in das Gesicht eines der Roten Kommissare geworfen hat. [ . . .] Es hieße die Tiere beleidigen, wollte man die Züge dieser zu einem hohen Prozentsatz jüdischen Menschenschinder tierisch nennen." So stand es in den "Mitteilungen für die Truppe" Nummer 116 vom Juli 1941, die bis an die Kompanien weitergegeben und dort den Soldaten vorgelesen wurden.

Bolschewiken, Juden, Kommissare, "Untermenschen": Der Weg, der den Soldaten der Wehrmacht hier gewiesen wurde, war nicht mißzuverstehen. Wurde das in der Forschung bislang nicht hinreichend beachtet? In seinem Beitrag "Wehrmacht und Geschichtswissenschaft" hält Omer Bartov der "kritischen Fraktion" der bundesdeutschen Militärgeschichtsforschung vor, sie habe es - bei Anerkennung ihrer unbestreitbaren Verdienste - versäumt, die besonders schwierige Frage der Verstrickung der Wehrmacht in den Holocaust aufzuwerfen. Gemünzt ist diese Kritik auf das Reihenwerk des Militärgeschichtlichen Forschungsamts, "Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg". Sie knüpft an die Mahnung Andreas Hillgrubers aus den frühen achtziger Jahren an, der Judenmord müsse als ein Bestandteil des Weltkrieges betrachtet und könne nicht losgelöst von diesem beschrieben werden. Es wäre zu wünschen, daß diese in der Tendenz berechtigte Kritik endlich gehört wird.

Was zum Problem "Wehrmacht und Holocaust" aus deutschen und russischen Archiven herausgeholt werden kann, demonstriert Hannes Heer in zwei Fallstudien über die deutsche Besatzungsherrschaft in Weißrußland. Er macht deutlich, daß die Wehrmacht unter dem Vorwand der Partisanenbekämpfung einen der schändlichsten Teile dieses Vernichtungskrieges verbarg, nämlich die Ermordung unzähliger sowjetischer Zivilisten und das Niederbrennen russischer Ortschaften, was in den Wehrmachtdokumenten kaschiert wurde als "Zerstören von Partisanennestern, Partisanenlagern, Partisanenbunkern".

Die wichtigste Opfergruppe war dabei die - unter der Formel "Jude gleich Partisan" gefaßte - jüdische Bevölkerung. Jahr um Jahr wurde diese Kriegführung radikaler, exzessiver und selbstverständlicher zugleich. Heer zufolge war diese Art des Krieges dadurch gekennzeichnet, daß sie den deutschen Soldaten und SS-Männern ein Maximum an Möglichkeiten zu töten bot bei sehr geringer Wahrscheinlichkeit, selbst getötet zu werden.