Fausto Morales hat die ganze Nacht hindurch auf der Ladepritsche eines klapprigen Toyota gesessen. Jetzt hält er erschöpft und in staubigem Hemd vor dem Palast des ecuadorianischen Präsidenten ein Transparent in die Höhe: "Keine Mangrove weniger - keine Garnelenfarm mehr." Zusammen mit vierzig Fischerkollegen hatte er sich auf den Weg von der Pazifikküste bei Esmeraldas nach Quito gemacht, um gegen die andauernde Vernichtung der Mangrovenwälder durch Garnelenzüchter zu protestieren. Er sieht dadurch seine Lebensgrundlage gefährdet.

Über siebzig Prozent des ursprünglichen Mangrovenbestandes des Landes am Äquator sind in den vergangenen Jahrzehnten schon vernichtet worden. Der allergrößte Teil der Mangrovenzerstörung geht auf das Konto der camaroneros, der industriellen Garnelenzüchter, die für den Export in die USA und nach Europa produzieren.

Die Mangrove ist ein besonders empfindliches Ökosystem, weil es nur eine schmale Zone entlang der Küsten, Ästuare und Inseln bildet, die selten breiter als hundert Meter ist. Ähnlich wie Korallenriffe spielt die Mangrove eine zentrale Rolle bei der Reproduktion von Fischen, Garnelen und anderen wirtschaftlich genutzten Meeresbewohnern. Um die inselartigen Überreste der Mangrove ist in Ecuador ein heftiger Kampf entbrannt. Verarmte Siedler und Fischer stehen einer kleinen, aber übermächtigen Front von Agroindustriellen gegenüber. Das Muster ist stets das gleiche: Für wenig Geld kaufen die Garnelenzüchter den arglosen Bewohnern einen Streifen Land an der Küste ab, um dann im Handumdrehen mit Stacheldraht und schwerbewaffneten Wächtern jeden Eindringling abzuwehren. Mit dem Bulldozer werden die Mangroven abgeräumt und die Zuchtbecken ausgeschoben.

Zum offenen Konflikt kam es, als einer der Garnelenmagnaten im Februar im Ästuargebiet des Rio Santiago nahe der kolumbianischen Grenze mitten im letzten verbliebenen großflächigen Mangrovengebiet des Landes nach bewährter Manier mit der Planierraupe vollendete Tatsachen schuf und auf einer vorgelagerten Insel 2400 Hektar Mangroven beseitigte. In dem Gebiet hatten vor kurzem japanische Wissenschaftler die größten Mangrovenarten der Welt mit Höhen bis zu dreißig Metern entdeckt. Sie schlugen vor, den einmaligen Bestand durch die Vereinten Nationen zum Biosphärenreservat erklären zu lassen.

Auch die größte Naturschutzorganisation des Landes, Fundación Natura, hatte gefordert, das Gebiet Cayapas-Mataje mit seinen rund 22 000 Hektar geschlossener Mangrove unverzüglich zum Nationalpark zu erklären. Laut Gesetz ist das Gebiet freilich schon seit langem geschützt: Zum Schutzwald wurde es vor vierzig Jahren erklärt, und seit 1978 ist die Abholzung der Mangrove im ganzen Land verboten - was freilich nicht verhindert hat, daß sich allein in den vergangenen fünfzehn Monaten knapp fünfzig Garnelenfarmen im Gebiet Cayapas-Mataje angesiedelt haben. Soweit sich die Farmbesitzer überhaupt um eine Genehmigung kümmern, lösen sie das rechtliche Problem auf ihre Weise: Da die Zuchtbecken nur dort gebaut werden dürfen, wo keine Mangrove steht, wird diese vor dem Besuch des Inspektors der staatlichen Naturschutzbehörde Inefan fein säuberlich beseitigt. Der auf Kosten des Garnelenzüchters eingeflogene Beamte stellt daraufhin fest, daß alles mit rechten Dingen zugeht, und erteilt die Genehmigung, wenn nötig, gegen eine Spezialgebühr.

Immerhin unterschrieb der ecuadorianische Präsident im März ein Dekret, in dem den Wünschen der etwa 20 000 Bewohner des Küstenstreifens und der Naturschützer voll entsprochen wurde. Dies rief die Garnelenzüchter auf den Plan, die ihrerseits ein schütteres Häuflein aufboten, um vor dem Sitz der Naturschutzbehörde für Arbeitsplätze und Entwicklung in dem vernachlässigten Grenzgebiet zu demonstrieren. Zudem konnte der Unternehmer Ruy Quevedo Benitez eine "provisorische" Genehmigung für seine Farm vorweisen, die der Direktor ebendieser Behörde schriftlich erteilt hatte. Quevedo Benitez, der auch der Vorsitzende des ecuadorianischen Garnelenzüchterverbandes ist, konnte den Staatspräsidenten außerdem belehren, daß für die Ausweisung von Schutzgebieten allein das Agrarministerium zuständig sei. Zwei von der Regierung eilends eingesetzte unabhängige Kommissionen kamen bei der Prüfung des Falles zu entgegengesetzten Schlüssen, was die Sache auch nicht weiterbrachte. Angesichts der harten Lobby der Agroindustriellen mit besten Beziehungen zu Parlament und Regierung knickte der Präsident schließlich ein und veröffentlichte ein neues Dekret, in dem lediglich ein Prüfungsauftrag für einen Nationalpark erteilt wird und die illegal erteilten Konzessionen unberührt bleiben.

Ende der siebziger Jahre ist Ecuador in das attraktive Garnelengeschäft eingestiegen. Im vergangenen Jahr stellte der Export der Krebstiere, bei abnehmender Tendenz, mit knapp vierzehn Prozent nach Erdöl und Bananen die drittwichtigste Devisenquelle des Landes dar. Etwa 40 000 Menschen arbeiten in dem Sektor. Bei den Agrarexporten holen allerdings Sonderkulturen mit hoher Wertschöpfung wie Blumen, Brokkoli und Spargel gewaltig auf.