Es war sehr warm, fast heiß in den letzten Apriltagen. Vater kam für ein paar Stunden nach Hause. Er saß mit drei Soldaten seines Transportkommandos in der Gartenlaube; vor dem Haus stand der große Lastzug geparkt. Sie wollten Wehrmachtsgut nach München bringen und hatten dabei in der Nähe von Coburg Rast gemacht. So entstanden die Photos des alten Oberfeldwebels der Luftwaffe mit seinem fünfzehnjährigen Sohn, dem soeben eingekleideten "Volkssturm"- Jungen.

Ich besitze sie heute noch.

Ehe Vater mit seinen Männern losfahren konnte, flog ein "Thunderbolt"- Jagdbomber beinahe durch den Garten und schoß aus seinen acht Maschinengewehren (wir Jungen kannten Typ und Bewaffnung genau). Aber er traf nicht; ich habe dann die Munitionshülsen aufgesammelt. Vater und die Soldaten saßen in stoischer Ruhe; bis zum Keller hätte es ohnehin nicht mehr gereicht. Einen Tag später wurde ihnen der Lastzug in Bamberg zerschossen. Vater kam danach in amerikanische, später in französische Gefangenschaft. Vorher habe ich ihn während zweier Jahre, als er in Rußland war, nicht gesehen. Danach war er ebenso lange im Westen verschwunden.

Die "Jabos" kamen ein oder zwei Jahre später wieder. Diesmal hatten sie Brand- und Sprengbomben an Bord. Zwei davon trafen unsere kleine Straße. Eine zerstörte ein Haus, aus dem gerade eine junge Frau mit ihrem Baby laufen wollte. Sie starb mit aufgerissenem Leib und mit ihr das Kind. Ich sah zum ersten Mal zwei tote Menschen, denen ich eben noch begegnet war.

Die zweite Bombe traf unser Nachbarhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Dort befand sich ein Spielwarengeschäft, in dem große Mengen von Teddybären und mit Holzwolle ausgestopfte Puppen lagerten. Das Haus brannte wie Zunder; der Brand drohte auf unsere Seite überzugreifen. Da erschien plötzlich meine Studienrätin für Englisch und Geschichte. Wir nannten sie nur die "Miss". Sie war eine äußerst resolute und tapfere Frau, von der ich erst später erfuhr, daß Klassenkameraden sie bei den Nazis verpetzt hatten. Sie befahl mich aufs Dach und schleppte Eimer für Eimer herauf, damit ich die Schindeln bewässern und den Funkenflug löschen konnte.

Dann kam der Gestellungsbefehl. Wir Hitlerjungen, schon eingekleidet, mußten im Rathaus unserer kleinen Stadt antreten, um Mann für Mann eine "Panzerfaust" in Empfang zu nehmen. Der Verwaltungsbeamte, der sie verteilte, war sehr dick und trug eine Parteiuniform; er gehörte zur Gestapo. In den letzten Kriegstagen ist er in Zivil aus der Stadt geflohen. Doch wenig später, der Krieg war zu Ende, fingen ihn deutsche Kommunisten ein und stellten ihn mehrere Stunden lang auf die Trümmer des Hauses, vor dem die Frau mit ihrem Kind gestorben war.

Wir Jungen zogen mit den Panzerfäusten in einen Wald neben der Straße, auf der die Amerikaner mit ihren Panzern kommen sollten. Doch sie kamen glücklicherweise an diesem Tag nicht mehr; wir hörten nur Geschützfeuer aus der Nähe. Mit uns marschierten einige ältere "Volkssturm"-Männer; ich denke, es waren Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg. Sie übernahmen die Befehlsgewalt und machten uns klar, daß nun Schluß sei. Ich erinnere mich noch, wie ich die beiden Zündsätze meiner Panzerfaust in einen Teich und das Geschoß selbst in den Straßengraben warf. Bei Einbruch der Nacht kamen wir wieder nach Hause. Am nächsten Morgen standen die Amerikaner mit ihren Panzern auf dem Schützenplatz. Der Ortspfarrer hatte eine weiße Fahne auf dem Kirchturm gehißt. In der Stadt war kein Schuß gefallen.