"Schuld" an der derzeitigen rechtlichen Situation ist die gesetzliche Regelung. Die pauschale Verdammung der "Verkehrsrichter" ist nicht berechtigt. Das Gesetz (Paragraph 828 BGB) geht davon aus, daß Kinder, die das siebte Lebensjahr nicht vollendet haben, für einen Schaden nicht verantwortlich sind, im Bereich zwischen sieben und achtzehn Jahren nur dann, wenn sie "die zur Erkenntnis der Verantwortlichkeit erforderliche Einsicht" besitzen. Im Bereich zwischen sieben und achtzehn Jahren obliegt deshalb die Beurteilung im wesentlichen dem Gericht, gegebenenfalls unter Hinzuziehung von Sachverständigen.

Obwohl führende Psychologen bereits seit Jahren darauf hinweisen, daß Kinder erst ab etwa zwölf Jahren in der Lage sind, komplexe Vorgänge, insbesondere des Straßenverkehrs, überhaupt realistisch wahrzunehmen und zu verarbeiten, hat der Gesetzgeber bisher keinen Anlaß gesehen, die gesetzliche Regelung zu verändern. Derzeit sind hierzu noch nicht einmal Ansätze vorhanden. Es sollte deshalb eine vordringliche Aufgabe sein, diese Erkenntnisse weiterzuverarbeiten mit dem Ziel, den Gesetzgeber zu einer Korrektur der durch die Wissenschaft überholten gesetzlichen Regelung zu veranlassen. Daß "Verkehrsrichter" auch anders entscheiden können, beweisen viele.

Klaus Chr. Dieterle (Rechtsanwalt), Frankfurt/Main