ARD, Sonntag, 30. April: "Festung Berlin"

Was gibt es Neues zu berichten über den "Untergang der Reichshauptstadt" in den letzten Tagen des Krieges? Man kennt die Bilder: die Luftaufnahmen von der Ruinenstadt, die eingestürzten Prunkbauten, die brennenden Mietshäuser, die mit Handkarren flüchtenden Einwohner, den hinter Trümmerwällen verschanzten Volkssturm. Die "Festung Berlin" war eine Fiktion. Auf zehn Russen kam ein Hitlerjunge. Und dennoch kämpfte die geschlagene deutsche Armee mit ihren letzten Reserven um die verlorene Stadt. Bis die Kapitulation die fürchterliche Verlustliste des Kriegsendes schloß.

Wir wissen das alles. Aber mit dem Abstand zum Geschehen ordnet die Erinnerung die Dinge um und interpretiert sie anders. Und darum geht es auch im Fernsehen. Gedenkrituale sind lästig, ihnen entzieht man sich gern. Erinnerung als Neubewertung aber ist nicht nur nötig, sondern eine unwillkürliche Tätigkeit des Gehirns; sie offen und öffentlich zu vollziehen, in allen Medien, ist bei einem Anlaß wie dem 50. Jahrestag des Kriegsendes unabdingbar. Eine Gesellschaft verständigt sich mittels des Rückblicks über ihr Geschichtsbild, das gehört sich so und geschieht im übrigen ganz von allein.

Medien haben die Funktion, hierbei organisierend tätig zu werden, unsere öffentlich-rechtlichen Rundfunksender haben sogar die Pflicht. Der Privatsender Sat.1 muß sich nicht um Kriegsende und Geschichtsbild kümmern, und er schert sich denn auch einen Deubel drum. Tja, welche Firma wirbt schon gern zwischen Schwarzweißbildern von rauchenden Trümmern und toten Soldaten? All die wackeren CDU- Rundfunkpolitiker, die das Fernsehen am liebsten komplett privatisieren möchten, sollten sich das Programm ihrer Ziehkinder während dieser Wochen mal vor Augen führen und dann ihre Strategie überprüfen. Fernsehen ist, dank seiner Archive, eine vorzügliche Erinnerungsmaschine. Und es braucht Redaktionen, die diese Maschine zu bedienen verstehen.

Die Sender SFB, MDR und Deutsche Welle verfügen über solche Fachleute: Sie brachten Andreas Christoph Schmidts wohlgelungenen Film über die Schlacht um Berlin. Wir sahen die bereits bekannten Bilder - und mehr: Zeitzeugen, wie sie im nächsten Jahrtausend so beredt nicht mehr dasein werden. Wir sahen den ehemaligen Hitlerjungen, der mit seiner Panzerfaust losmarschiert ist, den versteckten Juden, der nach zwei Jahren vom Dachboden wieder auf die Straße konnte, den französischen SS-Mann von "Charlemagne", der zur Verteidigung der "Festung" eingerückt war, den russisch-jüdischen Photographen, der sich wunderte, warum die Frauen, besiegt, geschlagen, vergewaltigt, auf der Straße lachten.

Die Leistung Schmidts besteht darin, daß er in seinem nicht wertenden, nicht kommentierenden Film allen gerecht wurde: den Kriegsverlierern und den Siegern, den Soldaten und den Zivilisten, den Deutschen und den Russen, den Gefallenen, Massakrierten, Aufgehängten und den Überlebenden. Man gewinnt eine Vorstellung davon, wie das damals war, und zwar, weil Schmidt nicht erklärt, sondern seinen Gegenstand, die "Festung Berlin", nur von allen Seiten zeigt.

Aber was heißt "nur". In dem Blick auf alle Seiten, im Rundblick, liegen Kunst und Privileg des Rückblicks. Wer in den Ereignissen drinsteckt, hat nur eine Perspektive. Später kann er auf sich selbst zurückschauen. Fernsehen bewahrt Zeiten auf und gibt sie zur allseitigen Durchsicht frei.