Die Besetzung unseres Zufluchtortes durch die Amerikaner hatte mit viel Schießerei schon ein paar Wochen zuvor stattgefunden. Jetzt saßen wir in Bad Eilsen - wo ein Freund uns Unterschlupf gewährt hatte - im Wohnzimmer, am Radio, weil sich die Nachricht verbreitete, der Krieg sei zu Ende. In der Tat hörte man plötzlich eine Stimme aus dem Radio, die eben dies verkündete. "Gott sei Dank, jetzt sind die Schweine weg", war der einzige Kommentar zu diesem überfälligen Ereignis.

Bald darauf stürmte jemand ins Zimmer mit dem Ruf: " Los Kinder, sitzt nicht da wie die Pagoden, kommt mit zum Plündern. Jetzt ist keine Zeit für erhabene Gedanken, jetzt muß man praktische Dinge tun!" Er hatte recht, nebenan in Rinteln fielen die Reservevorräte der Wehrmacht dem plündernden Publikum anheim. Es herrschte großes Hasten und Grabschen in dem vielstöckigen Gebäude. Jeder wählte etwas aus, ließ es wieder liegen, weil anderes noch verlockender schien. Wir eroberten einen Zentnersack mit Zucker, ein Riesenrad Käse und allerhand Gewürze.

Die Beschaffung von Lebensmitteln wurde zwangsläufig unsere Hauptbeschäftigung.

In der Schweineküche wurden - eingehüllt in heiße Dämpfe - zentnerweise Zuckerrüben in Sirup verwandelt, der als Brotaufstrich diente. Mein Bruder streute liebevoll Stickstoff mit einem Suppenlöffel auf jede einzelne Kartoffelpflanze und dachte vermutlich daran, daß zu Hause diese Tätigkeit von einem drei Meter breiten Düngerstreuer ausgeführt wurde.

Mein eigentlicher 8. Mai aber hatte bereits am 24. Januar stattgefunden, an dem Tag nämlich, an dem ich meine Heimat verlassen mußte. Nein, eigentlich schon lange vorher, denn es war ein jahrelanger Abschied. Immer wieder das wehmütige Gefühl: Dies ist das letzte Frühjahr, die letzte herbstliche Treibjagd, das letzte Weihnachten . . .

Seit Jahren wußte ich, dieser Verbrecher bereitet einen Krieg vor, der lange dauern und an dessen Ende Ostpreußen verloren sein wird. Aber schließlich kam das Ende mit unvorhergesehener Plötzlichkeit. Noch am Tag zuvor hatte ich einen drohenden Verweis wegen "vollständig überflüssigen Vorbereitung zur Flucht" vom Kreisleiter entgegennehmen müssen, 24 Stunden später verkündete seine Dienststelle, bis Mitternacht müsse der Kreis geräumt sein.

Wir aßen noch rasch Abendbrot, dann standen wir auf, ließen das Silber auf dem Tisch liegen und verließen das Haus, ohne die Tür zu verschließen. Ich nahm meinen Rucksack, der immer fertig gepackt in einer Ecke stand, bestieg mein Pferd und machte mich zusammen mit ihm auf eine sieben Wochen währende Flucht. Dabei hatte ich dann ausgiebig Zeit, über die bevorstehende Befreiung nachzudenken und über den dafür gezahlten Preis: die vielen gefallenen Verwandten und die vielen hingerichteten Freunde.