Allergische Erkrankungen nehmen weltweit deutlich zu. Besonders betroffen sind die Menschen in den reichen Industriestaaten, so leiden Westdeutsche etwa doppelt so häufig unter Allergien wie Ostdeutsche (siehe Graphik). Vor allem drei Faktoren prägen das Leiden: erstens erbliche Faktoren, die mehr als die Hälfte beisteuern und Basis vieler allergischer Leiden sind, zweitens der westliche Lebensstil ("Lifestyle", mit etwa dreißig bis vierzig Prozent) sowie drittens die Umweltbelastung durch Industrie und Verkehr (zirka zehn Prozent). Dies ist, stark vereinfacht, das Ergebnis eines internationalen Symposiums über Allergien und Allergotoxikologie, das vom 28. April bis zum 1. Mai in Hamburg stattfand. Zu dem Treffen hatten Heidrun Behrendt, eine Vorkämpferin auf dem Feld der Allergotoxikologie, Johannes Ring und Dieter Vieluf vom Universitäts- Krankenhaus Eppendorf geladen.

Den rund 400 Fachleuten aus aller Welt konnten die Deutschen wichtige Erkenntnisse präsentieren über die Einflüsse von Umweltschadstoffen und Lebensstil auf Allergien. Denn die Teilung Deutschlands hatte das gleiche Volk in zwei Gruppen gespalten, deren Lebensbedingungen sich stark auseinanderentwickelten. Dieses gigantische soziale "Experiment" erweist sich nun als epidemiologische Fundgrube. Die teilweise überraschenden Ergebnisse erfordern eine neue Gewichtung der Gründe, warum Allergien zunehmen. Nachdem Umweltschadstoffe als Allergieauslöser lange eine führende Rolle in der öffentlichen Diskussion (teilweise auch in der Forschung) gespielt haben, rücken jetzt Auswirkungen der Lebensweise in den Vordergrund. Der Glaube, alles Böse und Gesundheitsgefährdende müsse von außen kommen, scheint einem neuen Muster zu weichen: Der Feind sitzt innen, heißt es jetzt. Doch warum?

Intuitiv gingen viele Zeitgenossen davon aus, daß in der stark umweltbelasteten ehemaligen DDR wesentlich mehr Menschen an Allergien leiden müßten als im Westen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Das Bild hat folgende Konturen: Klassische Schadstoffe (vom Typ 1) wie Schwefeldioxid und Staub waren im Osten einst stark verbreitet. Sie reizen zwar die Atemwege und fördern Erkrankungen wie Husten und Bronchitis, die im Osten sehr häufig waren, aber beeinflussen Allergien kaum. Schadstoffe vom Typ 2 wie Stickoxide, Ozon und flüchtige organische Verbindungen, die typisch für starke Verkehrsbelastungen sind, wirken ebenfalls aggressiv auf den Atemtrakt und fördern allergische Erkrankungen wie Asthma. Sie sind zwar nicht ursächlich für Allergien, steigern jedoch in stark verkehrsbelasteten Regionen die Zahl allergischer Atemwegserkrankungen deutlich über den Durchschnitt. In den industriellen Ballungsgebieten der ehemaligen DDR wurden ebenfalls vermehrt Allergiefälle registriert, vermutlich wegen hoher Schwermetallbelastungen.

Doch sind allergische Erkrankungen wie Heuschnupfen, Asthma oder Neurodermitis im Westen etwa doppelt so häufig wie im Osten. Dies belegen mehrere Untersuchungen, etwa des Bundesgesundheitsamtes (heute Robert Koch-Institut, RKI) und die Ergebnisse einer großen europäischen Studie, die nun vorliegen. Während die RKI-Studie unter Leitung von Hans Hoffmeister allgemein "Die Gesundheit der Deutschen" unter die Lupe nahm, wurden in der europäischen Studie knapp 7000 Einwohner von Hamburg (Leitung Helgo Magnussen) und Erfurt (Heinz-Erich Wichmann) detailliert untersucht. Hierzu gehörten neben einer intensiven Befragung der Patienten auch Hauttests auf Standardallergene, Untersuchungen der Atemwege sowie des Blutes auf allergiespezifische Antikörper (IgE, siehe Kasten nächste Seite).

"So ließ sich ausschließen, daß subjektive Faktoren das Bild verzerren", erklärt Heinz-Erich Wichmann. Sowohl das Blutbild als auch die Hauttests belegen, daß Westdeutsche etwa doppelt so häufig allergisch reagieren wie Ostdeutsche. "Hierbei beobachten wir jedoch eine ausgeprägte Altersabhängigkeit", stellt Wichmann fest. "Deutsche, die vor 1950 geboren sind, zeigen in Ost und West eine gleich niedrige Allergierate, die etwa jener der Nachkriegszeit entsprechen dürfte. Ähnliches gilt für die Altersgruppe der 35- bis 45jährigen. Doch bei den jüngeren Menschen, die nach 1960 im Westen geboren sind, schnellt die Rate um bis zu 150 Prozent hoch. Junge Ostdeutsche hingegen unterscheiden sich von ihren älteren Landsleuten kaum. Im Westen muß sich also etwas in den sechziger Jahren verändert haben, was für die Entstehung von Allergien sehr wichtig war."

Untersuchungen von Ring, Behrendt, Ursula Krämer (Düsseldorf), zahlreichen Gesundheitsämtern in den neuen Bundesländern sowie eine Studie von Erika von Mutius (München) bestätigen die These, daß westlicher Lebensstil einen großen Einfluß auf die Allergierate haben muß. Zum gleichen Ergebnis kommt auch eine umfassende Vergleichsstudie von Allergien in Schweden, Polen und Estland, über die Bengt Björksen von der Universität Linköping berichtete.

"Die Würfel für allergische Erkrankungen fallen in der frühen Kindheit", sagte der Schweizer Alain de Weck. Prägend sind vor allem die ersten Monate bis etwa hin zum zweiten Lebensjahr. So gilt es als gesichert, daß Kinder, die im späten Winter oder Frühjahr geboren sind, deutlich häufiger Heuschnupfen entwickeln gegen Pollen von Birken, Erlen oder Haselnuß, die just dann durch die Lüfte wehen.