Die literarische Ausnahmeerscheinung Antonio Lobo Antunes wurde hierzulande spät bekannt. Heftig kam die Zustimmung. Hatte man das nicht lange vermißt, diese furiose Verknüpfung von intimer Biographik und Geschichte, von Phantastik und Politik? Wie da jemand am Tresen hockt und in wuchernden Monologen die Wunde des portugiesischen Kolonialkrieges am eigenen Leib ausstellt ("Der Judaskuß"); oder wie ein mächtiger Familienclan sich nach der "Nelkenrevolution" in panischem Schrecken selbst zerfleischt ("Reigen der Verdammten")? Die Kritik war begeistert.

Und jetzt "Die Leidenschaften der Seele" (Roman; aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann; Hanser Verlag, München 1994; 429 S., 49,80 DM). Eine Steigerung von allem, was Antunes ausmacht: eine Steigerung des Tempos, in dem die Stimmen wechseln. Bildkaskaden, Atemlosigkeit der Satzperioden, verknotete Intrigen, gewaltsame Lösungen. Man muß innehalten, Luft schnappen, Stimmen und Szenen sortieren.

Zwei Jugendfreunde, der eine Sproß aus mächtigem Geschlecht, der andere Sohn des versoffenen Gärtners, sitzen sich beim Verhör gegenüber; der Bourgeois als kommunistischer Terrorist, der Habenichts als Untersuchungsrichter. Beiden kommt Satz für Satz die Vergangenheit in die Quere, der herrschaftliche Garten, die Dienstmädchen im Badezuber, die lesbische Großmutter, die ersten Zigaretten, Ejakulationen, Betrügereien und der unaufhaltsame Verfall von allem.

Beide sind sie Marionetten in einem komplexen Spiel zwischen Staat und Terrorkommando. Andere Mörder und Bombenleger mischen sich ein. Alle bekommen sie ein eigenes Kapitel samt Kindheit, Sex und Gewalt. Ebenso die Polizisten. Bis man zwischen Gesetz und gewaltsamem Terror nicht mehr unterscheiden kann. Das einzige Stabile ist der Verrat selbst. Was bleibt, ist ein abstraktes Machtspiel, in dessen Schatten Träume und Erinnerungen blühen: bunt und bizarr, aber nutzlos. Es führt kein Weg aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Alle Figuren schleppen ihre Geschichte wie einen prall gefüllten Sack auf ihrem Rücken. Nicht immer weiß man, wer zu welcher Geschichte gehört; es ist auch nicht so wichtig; die Stimmen sind austauschbar. Mörder und Polizist, Untersuchungsrichter und Terrorist sind mobile Teile in einem Alptraum. Priester, Student, Künstler, Altenpflegerin, Bankbeamter: die Stützen der Gesellschaft als Bombenleger. Alle kommen sie um in einem grandiosen Showdown; auch Antunes, so heißt der Untersuchungshäftling, und Zé, der Untersuchungsrichter (von A-Z). Der soziale Korpus ist geplatzt; er platzt vor unseren Leseraugen.

Und das ist neu an den "Leidenschaften der Seele": Die historischgesellschaftliche Substanz ist restlos verbraucht. Keine imperialistische Diktatur, keine Großbourgeoisie, keine Institution, an der man sich abzuarbeiten hätte, zählt mehr. In der Hohlform, die sie hinterlassen hat, nistet die nackte Macht, ein leeres und brutales Spiel. Die Geschichte ist den Kältetod gestorben. Das Posthistoire des Portugiesen Antonio Lobo Antunes ist laut und farbig. Eine Leuchtrakete aus der Leere.