Ich kann nicht Geburtstag feiern, den Geburtstag einer Republik, ohne daran zu denken, daß in dieser Republik Menschen leben, die andere in die Luft sprengen. Ich wende mich an diese Menschensprenger, mit dem, was mir zur Verfügung steht: mit Worten.

Liebe Mörder!

Sie sind unauffindbar, und doch sind Sie neben mir, ganz und gar gegenwärtig. Wären Sie nur ein paar vereinzelte Verrückte, ich würde kein Wort an Sie verschwenden. Doch ich fürchte, es ist einer großen Anzahl von Österreichern gleichgültig oder recht, wenn wieder einmal ein paar "Zigeuner" tot auf der Erde liegen. Ich frage Ihre vielen stillen und halblauten Zustimmer, und ich frage Sie, liebe Mörder, auf die naivste Art und Weise: Was haben Sie gegen diese Menschen? Ist es die Hautfarbe, das Andersartige, welches Sie so unendlich reizt, daß Sie zu Sprengsätzen greifen? Doch bedenken Sie: Das Andersartige, das in Ihren Augen so Hassenswerte, das Fremde, könnte in Ihrer eigenen Familie sein, könnte von Großeltern oder Eltern an Sie weitergegeben worden sein. Es wird nicht weniger in Ihnen, wenn Sie es an anderen Menschen verabscheuen, diese Menschen in die Luft sprengen. Sie selbst sind das Gemisch, das Sie zu vernichten trachten.

Aber vielleicht irre ich mich, vielleicht haben Sie einen anderen Grund, Menschen zu ermorden. Vielleicht hören Sie die Stimmen der anderen Menschen nicht mehr: kein Geflüster, keinen Zuruf, kein Weinen und nicht die Laute der Ausgelassenheit. Vielleicht ist alles in Ihnen taub, und nur ein großer Knall, so denken Sie, kann diese Taubheit lösen. Vielleicht, so denken Sie, müssen Sie jemanden töten, damit Sie sich endlich wieder lebendig fühlen. Aber Ihre Hoffnung ist trügerisch, Ihre Sehnsucht uneinlösbar. Mit jedem Toten vermehrt sich das Tote in Ihnen. Was ein Befreiungsschrei werden sollte, wird zu einer Vermehrung der Stille. Keine Fröhlichkeit, keine bleibenden Freundschaften werden Ihnen aus dieser Tat erwachsen. Niemand wird gerne mit Ihnen reden wollen, selbst Ihre Mitmacher, die einzigen, die Ihnen noch nahe sind, müssen mit Ihnen schweigen.

Ist es nicht nur der Haß auf Menschen, ist es auch der Haß auf diesen Staat, der Sie so umtreibt? Wollen Sie anstelle dieser wankelmütigen demokratischen Einrichtung etwas Starkes, Großes, Einmaliges setzen? Ist der Faschismus tatsächlich Ihr Ziel, dann denken Sie an das Ende des "Dritten Reiches". Am Schluß war alles still, zerstückelt, getötet, auf dem Boden und unter der Erde. Das Große war kleiner denn je.

Oder haben Sie und Ihre Anhänger das Gefühl, man würde wegen vier toter Roma ein Riesenaufsehen machen, während niemand mehr von den Hunderttausenden Kriegstoten redet, von Ihren gefallenen Verwandten? Zwei meiner Onkel sind als Soldaten gestorben, die Brüder meiner Mutter. In Zeitabständen nahm sie ihre Photos zur Hand, betrachtete ihre jungen Gesichter und schüttelte den Kopf. Ihre Trauer war eine stille, private. Sollten Sie es vorziehen, Ihre Toten mit Kriegerdenkmälern und Gedenktreffen zu ehren, dann will ich versuchen, dies auszuhalten.

Liebe Mörder! Irre ich mit allen meinen Mutmaßungen über Sie? Sind Sie jung und voller Wut gegen alle, die sich viele Vorteile zu verschaffen wissen, während Sie keine haben? Hassen Sie die Bootsfahrer, die das andere Ufer erreichen und alles absperren und Sie drüben lassen ohne Arbeit, ohne Platz, ohne Wohnung? Halten Sie sich für Ausgeschlossene? Wenn das so ist, warum töten Sie jene, die wie Sie am Rande leben, am Rande der Dörfer und der Städte?