Ich erinnere mich an meine zweite Geburt. Ich habe sie nicht gefeiert. Aber ich habe sie erlebt im Mai 1945. Es war ein warmer Frühlingstag. Der Krieg war zu Ende. Es gab mich noch - oder wieder. Alles sehr sonderbar.

Am Abend waren sie gekommen, lauter schwarze Männer in Jeeps. Sie hatten offenbar schnell bemerkt, daß niemand im Ernst daran dachte, den Flughafen zu verteidigen. Nachts kontrollierten sie die Bunker, nicht sehr gründlich. Sie waren wohl so müde wie wir.

Gleich morgens würden sie sicher versuchen, eine Art Ordnung zu schaffen. Bevor es hell wurde, mußte ich hier raus sein. Ich hatte mir den Weg zu einer Seitenpforte genau eingeprägt. Sie war nicht nur, wie ich gehofft hatte, unbewacht. Sie war auch offen. Ehe der Tag graute, war ich aus Köthen heraus. Der Flughafen lag im Süden. Ich wollte nach Süden, nach Leipzig, und dann nach Westen, so weit wie möglich nach Westen.

Eine Schilderung der ganzen Odyssee, die mich schließlich nach England gebracht hat, ist hier nicht möglich. Aber es muß erklärt werden, daß das mit der "zweiten Geburt" mehr als eine Metapher ist.

Immer wieder wurden wir auf unserem Marsch gen Süden gestört. Mal von solchen, die Uhren haben wollten. Hatte ich nicht. Mal von anderen, die nach "Papieren" verlangten. Hatte ich auch nicht. Ein alter Troupier sagte: "Wenn es uns gelingt, bis nach Altenburg zu kommen, dann finde ich dort noch Stempel und Entlassungsscheine." Es gelang. So bekam ich meine "Papiere", die mich später an den Ort meiner wahren Wiedergeburt, nach Cambridge, bringen sollten.

Die Urkunde, die mir ein zweites Leben möglich machte, ist ausgestellt auf "Altenburg 1945". Meine erste, meine echte Geburtsurkunde, bestätigt als Ort und Jahr "Altenburg 1921".