Von der Herrschaft des Dritten Großdeutschen Reiches unter Adolf Hitler wurde ich, im Mai 1945 fünfzehn Jahre jung, gleich dreimal befreit. Am 5. Mai 1945 um zehn Uhr vormittags, als in Prag der Aufstand der tschechischen Bevölkerung gegen die Deutschen losging, kam unser Hausmeister, Herr Frantisek Vodicka, mit Gewehr und in einer erbeuteten Uniform des deutschen Afrikakorps - ein Magazin der Wehrmacht am Masaryk-Bahnhof war schon um acht Uhr geplündert worden - zu uns und sagte: "Jetzt befreie ich unser Haus von den Nazis!" Herr Vodicka, der revolutionäre Gardist, ging in den zweiten Stock, wo die Ärztin Birgit Hahn wohnte, eine Deutsche. Ihr Mann war Ende März 1945 an der Westfront gefallen. Mitte April hatte Frau Hahn einen Buben namens Walter zur Welt gebracht.

Im zweiten Stock hörten wir Frau Dr. Birgit Hahn fürchterlich schreien, wir liefen mit Mutter aus unserer Wohnung ins Treppenhaus hinaus. Gerade in diesem Augenblick flog Frau Dr. Hahns Säugling namens Walter mit einem leisen Winseln durch den breiten Lichtschacht an uns vorbei in die Tiefe. Auf dem kostbaren, strahlend weißen Marmorboden ein Stockwerk unter uns ist bis heute ein rotgelber Fleck zu erkennen. Dann hörten wir oben einen Schuß; Frau Dr. Birgit Hahn wurde still. Hausmeister Vodicka, seit zehn Minuten im Aufstand gegen die Nazis, schrie durchs ganze Haus: "So, jetzt habe ich mit den Nazis abgerechnet! Wir sind frei!"

Vom Hausmeister Vodicka befreit, saßen wir dann drei Tage und Nächte im Keller; in Prag wurde gekämpft.

Im Morgengrauen des 8. Mai 1945 tauchte am südlichen Rand der Stadt die sogenannte Wlassow-Armee auf, an die zwanzigtausend russische Soldaten unter dem Kommando des einst heldenhaften Sowjet- Generals Wlassow, bis 1941 Stalins Liebling, der sich allerdings vor den Toren Leningrads samt seiner Armeegruppe den Deutschen ergeben hatte und dann mit der Wehrmacht gegen die Bolschewiki kämpfte. Mitte April 1945 kündigte General Wlassow der deutschen Wehrmacht seine Dienste, schlug sich mit seiner Armee zu den Amerikanern durch und befreite dabei, wahrscheinlich eher durch Zufall, Prag, die Goldene Stadt an der Moldau. Ich wurde also in drei Tagen zweimal befreit, zum zweiten Mal von einer Armee, die ihr Vaterland verraten hatte und die hoffte, durch Prags Befreiung ihren Verrat wiedergutzumachen und bei den Amerikanern Gnade zu finden.

Am frühen Nachmittag des 8. Mai 1945 habe ich in der Zitná-Gasse meine Befreier gesehen: Die Wlassow-Soldaten saßen bewegungslos am Straßenrand, sie rauchten Machorka, tranken aus der geplünderten Drogerie gegenüber Franzbranntwein und seufzten schwer. Einen Monat später waren sie alle tot: Die Wlassow-Armee ergab sich bei Pilsen den Amerikanern; Ende Mai übergaben die Amerikaner sie geschlossen den Sowjets, und Mitte Juni wurden die letzten Wlassow-Soldaten, so habe ich es dreißig Jahre später gelesen, bei Minsk als gemeine Verräter erschossen. General Wlassow wurde in Moskau gehängt.

Meinen ersten Befreier, unseren Hausmeister Frantisek Vodicka, den revolutionären Gardisten, seit 5. Mai 1945 zehn Uhr vormittags im Kriegszustand mit Deutschland, sah ich am 8. Mai 1945 am unteren Ende des Wenzelsplatzes einen mit Benzin begossenen deutschen Soldaten mit dem Kopf nach unten an einer Laterne hochziehen. "Nieder mit den Deutschen! Wir sind frei!" schrie unser Hausmeister und zündete den Soldaten am Laternenmast an.

Am 9. Mai 1945 wurde ich in vier Tagen zum dritten Mal befreit, diesmal von den Panzersoldaten der Roten Armee.