Per Auto unterwegs im Labyrinth einer fremden Großstadt: Ratlos hält man nach Richtungstafeln Ausschau, statt auf den Verkehr zu achten, ärgert sich über die Unauffindbarkeit von Straßenschildern, wechselt panisch die Spur, flüchtet sich in unerlaubte Haltebuchten, um dort mit der sich gegen ihre Entfaltung sträubenden Faltkarte zu ringen, beginnt Streit mit der Beifahrerin, die hier genausowenig Bescheid weiß, kommt am Ende nur auf Umwegen und natürlich zu spät ans Ziel . . . Wenn man nun aber nur auf eine neutrale Lautsprecherstimme hören muß, die einem im genau richtigen Augenblick sagt, wo es langgeht - "demnächst links abbiegen", "zweite Querstraße links", "jetzt links ab" -, dann erscheint solch individuelle Lotsenhilfe zunächst als pure Hexerei. Vor allem deswegen, weil hier eine Maschine die Zeitbarriere zu überwinden scheint. Sie weiß ja offenbar immer schon im voraus, was kommt.

Es ist kein Hexenwerk und inzwischen auch keine Zukunftsmusik mehr. Die Systeme zur individuellen Zielführung der Kraftfahrer haben in Europa Mitte dieses Jahres ihr Coming-out. Ihr Preis (um 6500 Mark) wird sie zwar vorerst zu einer Sache nur für betuchteste Autofahrer und gewisse professionelle Nutzer machen: Mietwagenfirmen, Kurierdienste, überhaupt den Liefer- und Serviceverkehr. In dem Maße aber, in dem zur Jahrhundertwende hin ihr Preis in die Gegend von 2000 Mark sinkt, werden sie auch ins Volk der normalen Autofahrer vordringen und schließlich so selbstverständlich sein wie heute das Autoradio. Sie haben nämlich etwas geradezu Unwiderstehliches: Sie sind ein imposantes High-Tech-Spielzeug, das sich in vielen Situationen auch noch wirklich nützlich macht.

Je mehr die Öffentlichkeit vom Auto Gebrauch macht, desto schlechter wird ihre Meinung von diesem Vehikel. 65 Stunden im Jahr verbringt der durchschnittliche Autofahrer heute im Stau, Tendenz steigend, denn bis zum Jahre 2010 wird mit einer weiteren Vermehrung der Kraftfahrzeuge um dreißig Prozent gerechnet; und je mehr davon in Umlauf sind, desto mehr umweltschädliche Emissionen geben sie von sich. Manche sehen überhaupt nur noch einen Ausweg: daß der Autoverkehr möglichst bald an sich selber erstickt. Wer darauf setzt, dem müssen alle Maßnahmen, die begrenzte Ressource namens Verkehrsfläche effizienter auszunutzen und den Straßenverkehr damit flüssiger zu machen, zuwider sein. Wer dagegen den Ausstieg aus dem Automobilismus für kein realistisches Ziel hält, dem müßte alles, was zur Vermeidung von unnötigem Verkehr beiträgt, auch aus ökopolitischen Gründen willkommen sein. Bei Bosch/Blaupunkt, wo man schon seit 1978 an Systemen zur Verkehrssteuerung arbeitet, wurde ermittelt, daß ein maschineller Lotse in unbekannten Stadtgebieten pro Straßenkilometer durchschnittlich eine Minute Fahrzeit einspart. Er hat aber nicht nur das Zeug, die Fahrten kürzer und stressfreier und vor allem kalkulierbarer zu machen. Wenn viel sinnloser Such- und Umwegverkehr entfällt, werden auch weniger Treibstoffe verbrannt und weniger Schadstoffe emittiert.

Die Ära der Telematik beginnt mit einem Blizzard neuer Begriffe, Abkürzungen, Akronyme. "Telematik" selber ist so einer: der Sammelbegriff für alle aktuellen Techniken, den Straßenverkehr effizienter fließen zu lassen. Da er noch zu Höherem berufen ist, nämlich zur Bezeichnung der Vernetzung der Computerwelt, sollte man wohl besser bei der ebenfalls vorgeschlagenen "Traffimatik" bleiben.

Die Traffimatik kommt in vielerlei Gestalt. Fast immer aber verspricht sie dem Autofahrer, ihm bei der Navigation im Straßendschungel zu assistieren. Vier Klassen von Lotsenhilfen bieten sich heute dem Autofahrer an. Sie leisten sehr Verschiedenes.

Die einfachste Hilfe ist die digitale Straßenkarte. Damit sie zu mehr taugt als dazu, sich wie eine papierene Karte studieren zu lassen, ist sie in der Regel vektorisiert. Das heißt, das jeweilige Straßennetz ist zerlegt in viele kleine Abschnitte, von denen jeder eine Länge und eine Richtung hat, also als mathematische Größe ausgedrückt werden kann. Diese Vektoren lassen sich dann nicht nur zu Bildschirmkarten beliebigen Maßstabs zusammensetzen. Man kann sie auch zu verschiedenen Berechnungen heranziehen, vor allem zur Routenplanung. Die besseren Vertreter ihrer Art (zum Beispiel Map & Guide der Firma CAS, Karlsruhe) finden vor allem im Flottenmanagement Verwendung. Dem privaten Autofahrer, der selten Strecken vorher planen muß und nicht erst das Notebook hervorholen und betriebsfertig machen wird, wenn er an einer Kreuzung nicht weiterweiß, nützen sie wenig.

In der nächsthöheren Klasse ist die digitale Vektorkarte samt Lesegerät fest im Auto installiert und um eine Ortungsfunktion angereichert. Am Armaturenbrett sieht der Fahrer auf einem kleinen Monitor eine Karte, auf der man sein Ziel optisch hervorheben kann. Außerdem zeigt ein Symbol an, wo das Fahrzeug sich gerade befindet. Woher weiß das Gerät das?