Pessimisten im ehemaligen Jugoslawien haben meistens recht gehabt. In diesem Frühling erfüllen sich die düstersten Voraussagen. An ein Leben nach dem Kriege ist nicht zu denken. Kein General und kein Politiker hat je die Verlängerung des Waffenstillstands in Bosnien erwogen. Kroaten, Serben und Muslime setzen aufs Schießen. Doch nicht nur dort, sondern auch in Kroatien, über dessen Situation sich der Westen lange täuschte. Was die Regierung in Zagreb jetzt eine "begrenzte Aktion zur friedlichen Wiedereingliederung der Krajina-Serben" nennt, ist nichts anderes als der Neubeginn der Schlachten, die man im Januar 1992 mit Mühe erstickt hatte.

Gelegenheit macht Kriege - die Kroaten fanden einen passenden Anlaß. Ein Serbe wird ermordet. Um ihn zu rächen, werden auf der Autobahn im serbisch kontrollierten Westslawonien fünf Kroaten umgebracht. Zagreb gibt den Marschbefehl, die Armee greift ein. Die Stadt Pakrac fällt, auch Okucani wird zurückerobert. Tausende von serbischen Zivilisten fliehen Richtung Bosnien. Sie erinnern sich der Massaker und der verwüsteten Dörfer, die die kroatische Armee Anfang 1993 hinterließ, als sie in einer Offensive die dalmatinische Maslenica-Brücke eroberte.

Doch geht es den Kroaten nicht in erster Linie um Rache für die serbischen Vertreibungen und Zerstörungen von 1991. Sie haben die Autobahn wiedererobert, die Zagreb mit den östlichen Landesteilen verbindet. Und sie haben die Bahnstrecke, auf der Züge nur von serbischen Gnaden fuhren, wieder in ihre Hände gebracht. Nicht gelungen ist den kroatischen Generälen (bis zum Redaktionsschluß) die Zerstörung der Save-Brücke bei Bosanska Gradiska. Durch dieses Nadelöhr kommt der Nachschub in die serbische Enklave Westslawonien, die wie ein Stachel ins Land ragt. Über diese Brücke sollen auch die Panzer rollen, die der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic seinen Kampfesbrüdern in Kroatien großmäulig versprochen hat. Kappen Tudjmans Generäle die Verbindung über die Save, müßte sich das serbische Westslawonien bald ergeben. Und die Kroaten hätten einen wichtigen Teil aus der Krajina herausgebrochen.

Die serbische Krajina ist das Herz des jugoslawischen Konflikts. Um sie streiten die beiden größten Völker des untergegangenen Staates, Serben und Kroaten. Die Habsburger hatten die Serben hier bereits vor Jahrhunderten unter Kroaten siedeln lassen, damit sie als Wehrbauern den "Hofzaun" des Reiches gegen die Osmanen sicherten. Wien garantierte ihnen dafür große Freiheiten und Sonderrechte. Diese Tradition sahen die Serben in Gefahr, als die Kroaten sich 1991 für unabhängig erklärten. In der Krajina begann der jugoslawische Krieg, nur hier wird er auch beendet werden können.

Für die internationalen Vermittler ist das eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Der ehemalige amerikanische Außenminister Vance brachte im Januar 1992 immerhin einen Waffenstillstand zuwege, der länger hielt als gleichnamige Vereinbarungen in Bosnien. Der Friedensplan der Kontaktgruppe Z-4 (USA, Rußland, Uno, EU) wird von den Serben ignoriert und von den Kroaten torpediert, obgleich er die einzig denkbare Lösung vorschlägt: eine weitgehende Autonomie der Krajina-Serben innerhalb Kroatiens. Die UN-Truppen hingegen können den Konflikt nicht dauerhaft entschärfen. Ihre Aufgabe besteht im entschlossenen Zuschauen; gelegentlich jedoch finden Teile der Uno-Schutztruppe Gefallen und Profit daran, Waffen an die Serben zu vertreiben. Bei den Kroaten sind die Blauhelme deshalb ebenso verhaßt wie die Serben.

Wenn Tudjman seine Truppen in den "von der Uno geschützten Gebieten" gegen die Serben marschieren läßt, kann er der Begeisterung seines Volkes gewiß sein. Das ist wichtig, denn die nächste Wahl kommt bestimmt, und der Präsident hat außer Rückeroberungen nicht viel anzubieten. Sollte er jedoch Westslawonien heimführen, wäre er beim nächsten Urnengang nicht zu schlagen. Tudjman braucht eine kurze, erfolgreiche Schlacht gegen die Krajina-Serben.

Diese sind derzeit in der Defensive. Aber ihre wenigen Gegenschläge haben gezeigt, daß die Kroaten mit weit offenem Visier kämpfen. Durch ihre Raketen können die Serben alle großen kroatischen Städte erreichen. Karlovac und das nur vierzig Kilometer hinter der Front gelegene Zagreb haben das am vergangenen Dienstag zu spüren bekommen. Die Hauptstadt hatte an diesem lauen Mainachmittag fünf Tote und über 120 Verletzte zu beklagen. Zwar hat Tudjman die Bahnstrecke und die Autobahn in Slawonien erobert, aber den internationalen Flughafen mußten die Kroaten wegen serbischer Attacken schließen.