Boris Nemzow hat sich an kleine Schritte gewöhnt. Auf der Ladefläche eines Militärhubschraubers ist der Gouverneur von Nischnij Nowgorod zu den Bauern ins Dorf Tumanka am Rande seines Regierungsgebiets geflogen, um bei der Privatisierung einer Kolchose dabeizusein. Es ist die 35. Kollektivfarm, deren Tiere, Land und Gerätschaften seit Beginn der Landreform in Nischnij Nowgorod vor anderthalb Jahren an die Bauern abgegeben werden - die 35. von insgesamt 730 Sowchosen und Kolchosen.

Monatelang haben Berater der Weltbank-Tochter International Finance Corporation (IFC) diesen Tag vorbereitet. Sie bestimmten den Wert von Feldern, Traktoren und Kühen und gaben dann je nach Alter und Betriebszugehörigkeit Aktien an die Kolchosemitglieder aus. Mit den Papieren können die Bauern nun auf der feierlichen Auktion in der Dorfturnhalle den Kolchosebesitz ersteigern. Als der Hammer zum letzten Mal fällt, sind 188 Kolchosbauern zu Unternehmern geworden.

Seit drei Jahren ist der Atomphysiker Nemzow Gouverneur von Nischnij Nowgorod, dessen gleichnamige Hauptstadt zu Sowjetzeiten Gorkij hieß und als Verbannungsort des Regimegegners Andrej Sacharow bekannt wurde. Die mühselige Kleinstarbeit des Gouverneurs hat wenig gemeinsam mit der großen Politik in Moskau, wo über Budgetdefizite und gesetzliche Rahmenbedingungen gestritten wird. Die konkreten und sichtbaren Reformen finden in den 89 Republiken, autonomen Städten oder Gebieten wie Nischnij Nowgorod statt - oder auch nicht. Gouverneure wie Nemzow entscheiden, ob Betriebe tatsächlich privatisiert oder ausländischen Investoren die Geschäfte leicht gemacht werden. Die Gebietschefs, meist Ende 1991 von Boris Jelzin per Dekret ins Amt gehoben, haben fast uneingeschränkte Macht, und die nutzen sie auf äußerst verschiedene Weise.

Mit dem 35jährigen Nemzow an der Spitze ist die Region 400 Kilometer östlich von Moskau zur Reformschmiede Rußlands aufgestiegen. Als erster Gouverneur ließ er mit Hilfe von IFC-Experten die kleinen Geschäfte und Unternehmen in seinem Gebiet (Oblast) privatisieren, dann folgten die ersten Sowchosen und Kolchosen. Ministerpräsident Wiktor Tschernomyrdin hat im vergangenen Jahr die Landreform in Nischnij Nowgorod zum Modell für ganz Rußland erklärt. Nemzow war auch der erste, der einen Teil der Oblast-Ausgaben finanzierte, indem er Obligationen an die Bevölkerung verkaufen ließ. "Nirgends werden Entscheidungen so schnell und problemlos getroffen wie in Nischnij", schwärmt Catherine Breen von der IFC.

In Jeans, Pullover und Lederjacke zieht der Jung-Gouverneur durch seine Region und mahnt Menschen, deren ganzes Leben früher vom Staat geplant wurde, zu Eigenverantwortung. "Ihr dürft kein Geld mehr aus Moskau erwarten, sondern müßt jetzt selbst Absatzmärkte finden", sagt er den Bauern in Tumanka. "Von euch hängt ab, ob wir importierte oder russische Lebensmittel essen." Die Botschaft kommt an: "Boris Jefimowitsch macht wenigstens etwas", sagt einer der Landwirte. "Das ist selten genug in unserem Land."

Nur 350 Kilometer weiter südöstlich hat es keinen Bruch mit der Vergangenheit gegeben. Im Gebiet Uljanowsk tragen die Straßen noch die Namen sowjetischer Helden, besonders der Namensgeber von Oblast und Hauptstadt wird verehrt: Wladimir Iljitsch Uljanow, der sich später Lenin nannte.

Nicht nur das Andenken an Lenin, der hier 1870 zur Welt kam, wird in Uljanowsk gepflegt. Wie eh und je bezuschußt die Oblast-Regierung die Preise für lebensnotwendige Produkte, Milch und Brot kosten nicht einmal halb soviel wie in Nischnij Nowgorod oder in Moskau. Fleisch, Öl, Zucker, Eier und Bonbons werden gegen Bezugsscheine abgegeben. Reformpolitiker Jegor Gaidar bezeichnete Uljanowsk als die "letzte sozialistische Bastion".