Müller ist staatsfixiert

Nie zuvor war irgendein Geschrei, das um eine mich betreffende Zeitungsmeldung entstanden ist, mir so völlig unverständlich: Die Besitzer des heute einfach BE genannten Theaters am Schiffbauerdamm, die übrigens seit Ende der Nazijahre niemals einen einzigen Pfennig Miete erhielten, äußerten den Wunsch - da jeder von ihnen Angehörige, einige alle ihre Angehörigen im Holocaust verloren haben -, daß am 18. Oktober, dem Jahrestag der Deportation von über fünfzigtausend Berlinern nach Auschwitz, mein "Stellvertreter" aufgeführt werde in diesem Theater, das ihr Vorfahr erbaut hat.

Fontanes Einsicht "Die Juden finanzieren unser Kulturleben und wir Arier den Antisemitismus" gründete ja auf seiner Beobachtung, daß besonders die Theater Berlins weitgehend privat von Juden finanziert worden sind . . .

Daß Peter Zadek öffentlich bekanntgab - ohne daß ich ein einziges Mal mit ihm darüber gesprochen oder korrespondiert hätte -, er wolle im Januar 1996 meinen "Stellvertreter" im BE inszenieren, schien diesem Anliegen der Theaterbesitzer sehr entgegenzukommen. Und bestätigt jedenfalls, daß auch im Direktorium des BE (Eva Mattes, Fritz Marquardt, Peter Palitzsch und ihr Primus inter pares: Heiner Müller) keine Einwände gegen die Aufführung eines Hochhuth-Stücks vorgebracht wurden.

Von einer Inszenierung weiterer Hochhuth-Stücke in diesem Theater war nie die Rede, seit ich - vergebens - nach dem Ausscheiden der Mitdirektoren Matthias Langhoff und Peter Zadek in großer Demut meine Mitarbeit in diesem Direktorium angeboten hatte. Käme es zu dieser Zusammenarbeit doch eines Tages - ich hoffe das noch immer -, so würde ich zum Beispiel vorschlagen, daß die Direktoren des BE den Kultursenator bitten, den mir für ein "Theater der Autoren" zur Verfügung gestellten Konrad-Wolf-Saal in der Luisenstraße als Kleines Haus dazuzugeben, weil das Theater seit Jahren Ausschau hält nach einer kleineren zweiten Bühne.

Jedenfalls wäre der Konrad-Wolf-Saal, dem BE so nahe gelegen, ideal als sein Kleines Haus, da wir Autoren ihn nicht bespielen können, bevor unser finanzielles Konzept vom Finanzsenator akzeptiert wird: ohne Subventionen dann zu spielen, wenn wir die etwa 1,2 Millionen DM Steuern zurückerhalten, die außerhalb Berlins durch Aufführungen der zwei Theater-Tournee-Firmen Greve und Ellen Schwiers verdient und an den Berliner Senat bezahlt werden müssen, wenn diese Firmen, die auch die Stücke der im Ko nrad-Wolf-Saal gespielten Autoren auf Tournee schickten, ihre Sitze aus Hamburg und Starnberg nach Berlin verlegten. Auch bleibt ja darüber nachzudenken, warum allein das Theater der Autoren keinen Pfennig - keinen Pfennig! - Subventionen erhalten soll, während elf andere Theater Berlins, die ebenfalls weder der Stadt gehören noch dem Land, zu hundert Prozent subventioniert werden.

Da mein "Stellvertreter" über dreihundert Aufführungen am Broadway erlebte - privat finanziert allein von Juden und von ihnen durchgekämpft gegen eine militante Opposition des obersten amerikanischen Militärseelsorgers Kardinal Spellmann, der in der Bischofskirche seiner Erzdiözese New York sogar die Kleider von Papst Pius XII. öffentlich ausstellte; durchgekämpft auch gegen die amerikanischen Nazis, die vor dem Theater in SA-Uniformen aufmarschiert waren und allein durch berittene Polizei daran gehindert wurden, das Theater zu stürmen: So erübrigt sich die Frage, wieso Emigranten, denen das BE gehört und die teilweise in New York wohnen, ihr Theater lieber der Holzapfel-Stiftung geben als der Stadt Berlin, die ja seit 1945 niemals bekundet hat, daß ihr auch nur das Geringste an der Rückkehr der Emigranten gelegen sei. Auch die Emigranten unter den Regierenden Bürgermeistern, Reuter und Brandt, hielten es nicht für nötig, den ermordeten Juden Berlins ein Denkmal zu setzen - man denke an das hoch eindrucksvolle zu Paris - obgleich beide gebildet genug waren zu wissen, wie entscheidend der Anteil gerade der Juden von Moses Mendelssohn bis Max Liebermann am Kulturleben Berlins gewesen ist.

Warum also den Berlinern, die Theater genug besitzen und die ja auch durch ihre Spielpläne seit dem Tode Piscators bekunden, daß ihre Theater schlechthin desinteressiert sind an der Wiederaufnahme der zur Emigration Gezwungenen wenigstens als Bühnenautoren, wenn man absieht von dem einen Beispiel Brecht, der aber auch vermutlich nicht zurückgeholt worden wäre als Autor, hätte er nicht noch selber als Person dafür eintreten können -, warum also sollten Emigranten ausgerechnet der St adt Berlin ein Theater stiften?

Müller ist staatsfixiert

Heiner Müller ist unverständlich staatsfixiert, wenn er noch meint, eine private Stiftung trete auf "im Kostüm der Treuhand", wenn sie gegen eine Summe, die kaum je von der Treuhand an Emigranten bezahlt worden sein dürfte, Teile eines Theaters übernimmt - oder auch das Theater als Ganzes, sofern die jetzige Leitung des BE, die sich ja selber auch um einen Ankauf dieses Theaters bemüht hat, nur kam sie zu spät -, zur Kooperation mit der Holzapfel-Stiftung, die Direktor Sauerbaum bereit s freudig zugesichert hatte, nicht bereit sein sollte, weil Heiner Müller irrtümlich glaubt, er bleibe dann nicht der Intendant? Gewiß bleibt er der!

"Vater" Staat soll bereits in Gestalt des Pressesprechers des Kultursenators - was zweifellos nicht die Zustimmung des Kultursenators finden kann, denn Herr Roloff-Momin ist ein Liberaler -, verkündet haben, das BE erhalte fürderhin keine Subventionen, wenn auch R.H. dort zur Mitwirkung zugelassen werde als Vertreter der Holzapfel- Stiftung.

Ich weiß nicht, ob diese Drohung, die der Senatssprecher gegenüber der Redaktion von Bild geäußert hat, während er sich beharrlich weigerte, mit mir ein einziges Wort zu wechseln, ernst gemeint ist. Jedenfalls sei er daran erinnert, daß im Grundgesetz die Chancengleichheit garantiert ist - die er mutwillig aufhebt, wenn er dekretiert, ein Theater, das seit fünfzig Jahren allein dank staatlicher Subventionen existiert, verliere dann diese Existenzgrundlage, wenn sein - dem Senatssprecher genehmer - Intendant Heiner Müller einen Autor zur Mitarbeit zulasse, der diesem Senatssprecher nicht genehm ist.