Ob die Europäische Währungsunion zustande kommt oder nicht, hängt allein von Großbritannien ab. Diesen merkwürdigen Eindruck könnte man gewinnen, wenn man die intensive britische Debatte über das Für und Wider eines einheitlichen Eurogeldes verfolgt, das nach dem Vertrag von Maastricht spätestens am 1. Januar 1999 eingeführt werden soll.

Dabei kann es "nur" um die keineswegs akute Frage gehen, ob London von seiner als großen Erfolg gefeierten Ausnahmeklausel Gebrauch machen soll, sich einer kommenden Währungsunion anzuschließen, oder nicht. Denn die konservative Regierung unter John Major hat einen Beitritt zu dem frühen Termin von 1997 sowieso ausgeschlossen, und anderswo in Europa glaubt zudem kaum jemand mehr, daß die entscheidende dritte Stufe der Währungsunion zu diesem Zeitpunkt erreicht sein wird. Aber auch der 99er Termin ist eigentlich nur ein Hirngespinst, erinnert man sich an Majors Ausspruch: Sollten seine europäischen Kollegen die "Beschwörungsformel" für die Währungsunion hersagen, "dann wird das so drollig sein wie der Tanz eines Regenmachers und ungefähr die gleiche Wirkung haben".

Warum also diese hitzige Diskussion? Genau das fragt John Major. Warum jetzt nach reinen Vermutungen urteilen und nicht auf Tatsachen warten? Aber Major hat ein nur zu offenkundiges Interesse daran, die Angelegenheit von der Tagesordnung verschwinden zu lassen. Die Geldunion spaltet die Konservative Partei, ließ Major durch die (inzwischen beendete) Suspendierung von neun unbotmäßigen Abgeordneten für fünf Monate ohne Mehrheit im Unterhaus, teilt die Bevölkerung. Der Riß geht durch alle sozialen Schichten.

Die Briten wissen, daß das einheitliche Geld weit mehr ist als eine angenehme Zutat des Gemeinsamen Marktes, weit mehr als eine praktische Hilfe, die das Umtauschen überflüssig macht und Warenverkehr und Investitionen anspornt. Sie spüren, daß hier das Fundament des nationalen Lebens berührt wird und die Fähigkeit, ihre Geschicke selbst zu bestimmen, auf dem Spiel steht. Margaret Thatcher gebrauchte die Formel: "Eine Nation ohne eigenes Geld ist keine Nation" und blieb damit nicht ohne Echo.

Andere Länder halten die Währungsunion für wünschenswert oder unvermeidlich; Großbritannien ist da alles andere als sicher. Auf der Insel verfolgt man mit einem gewissen Schaudern, wenn "auf dem Kontinent" bereits die technischen Einzelheiten des Eurogeldes, Metallgehalt der Münzen und nationale Symbole auf den Banknoten, erörtert werden. Man sieht darin ein Zeichen dafür, daß die Währungsmaschine längst rollt, besetzt von Politikern und Beamten, die kein Überdenken mehr dulden wollen. Die Briten sind von dem schrecklichen Alptraum geplagt, sich als Mitglied des Währungsclubs wiederzufinden, eine "lebenslange Freiheitsstrafe", wie William Keegan im Observer befürchtet. Und sie haben die ebenso fürchterliche Ahnung, draußen vor der Tür zu bleiben.

Die Abneigung gegen die Währungsunion speist sich aus der britischen Geschichte, dem Verständnis von Souveränität und dem Unbehagen an der Dominanz Deutschlands. Letzteres ist ein wunder Punkt, der in diesen Wochen der fünfzigsten Jahrestage von kriegerischen Ereignissen und Kriegsende besonders schmerzt. Schon seit geraumer Zeit werden in der Währungsschnellinformation nur zwei Wechselkurse genannt: Das Pfund Sterling notiert, sagen wir, 1.60 US-Dollar und 2,20 Mark. Häufig wird die Mark zuerst erwähnt. Ganz klar, wo die Zentren der Wirtschafts- und Währungsmacht liegen. Die Bundesbank wird bewundert, gefürchtet, vielleicht überschätzt, auf jeden Fall aber als eine auch für Großbritannien wichtige Institution angesehen, auf die man keinerlei Einfluß hat.

Die Briten glauben, Deutschland könne in dem Währungsspiel machtpolitisch nicht verlieren. Entweder der Ecu werde die Mark unter einem anderen Namen werden, was immer die Franzosen und andere Mitglieder sagen mögen. Oder die Union komme auf kaltem Wege, wenn der germanische Hartwährungsblock sich ausdehnt und an Zusammenhalt gewinnt. Diese Vorstellung von Deutschland in einer solchen no lose situation ist den Briten etwas unheimlich.