Wann tauft man schon ein Kleid? Die römische Ausnahme war es wert. Es bekam den Namen "Das Dionysische" und war ein Nichts aus Seidenjersey, weiß und so grün wie das Pistazieneis im Café an der Piazza Navona. Inbegriff von Leichtsinn, unbekannter Lässigkeit. Dabei so gut gefertigt wie der Fiat Cinquecento zu Hause, der schon Tausende von Kilometern gefahren war. Wie das aufklappbare Radio, die Schreibtischlampe, der Stapelstuhl. Und Valentine, die rote Reiseschreibmaschine. Vom Auto und dem Kleid einmal abgesehen, funktioniert alles noch, ist mehr als dreißig Jahre alt und - auch ästhetisch betrachtet - erstaunlich unverwüstlich. Hat sich ein glücklicher Konsument der sechziger Jahre eigentlich Gedanken gemacht über die Ziele des so schlagend neuen italienischen Designs?

"Wir waren die Generation, die das Fliegen gelernt hatte. Mit Hilfe der Alitalia eroberten wir die Welt und glaubten, sie durch Kultur verändern zu können." Umberto Eco schrieb dies einer Ausstellung ins Katalogvorwort, die nun das Zeitalter des Fliegenlernens dokumentiert. Die Aufschwünge, die Triumphe auf einer ziemlich langen Strecke, schließlich die Zeit der Brüche. Und er liefert die unsanfte Landung mit: "Die 68er-Revolution dauerte in anderen Ländern ein Jahr oder wenig mehr. In Italien dauerte sie zehn Jahre. Das war zu lange. Die Begeisterung und die Utopien wurden zerstört."

Um die "Italienische Metamorphose" in den Jahren 1943 bis 1968 geht es in der Ausstellung, die dem Kunstmuseum Wolfsburg und seinen Besuchern einen beschwingten Sommer bescheren soll. Die Schau, vom New Yorker Guggenheim Museum übernommen, von Germano Celant verantwortet, greift weit aus: bildende Kunst, Kunsthandwerk und Design, Architektur, Mode, Photographie, Film - Neues nach dem Faschismus, zwischen spröder Autonomie und den Wirbelstürmen des Konsums.

Die Ausstellung macht dem Besucher Arbeit. Nie ist dieses Kapitel der Nachkriegsmoderne so umfassend dargeboten worden. Selten war selbst in heutigen Zeiten tonnenschwerer Begleitliteratur ein Katalog so wortmächtig und üppig bebildert. Man muß ihn lesen, erblättern, um den historischen und intellektuellen Raum hinter den Dingen zu begreifen.

Am Anfang war die Leere. Die Notwendigkeit, Worte wieder auf ihre ursprüngliche Bedeutung zurückzuführen, wie Cesare Pavese notierte. Heute liegt die Epoche zur Bearbeitung vor: eine "Geschichte von Bildern, Ideen, Projekten und Verhaltensmustern, von Gegenständen und Dokumenten" (Celant), eine Synthese der Künste. Die Architektin Gae Aulenti - mit dem winzigen Photo einer von ihr entworfenen Villa der fünfziger Jahre auch Zeitzeugin der "Metamorphose" - hat für die Wolfsburger Präsentation ein attraktives Labyrinth entworfen. Ein Areal, das die Beziehungen verschiedener ästhetischer Ausdrucksformen sichtbar machte, ist dies aber nicht.

So tritt jede Disziplin leider für sich allein an. Wobei das entscheidende Datum für die Entstehung alles Neuen der 25. Juli 1943 ist - der Sturz Mussolinis, die Besetzung Italiens durch die deutschen Truppen im Norden, die Invasion der amerikanischen im Süden. Von hier aus artikuliert sich Widerstand, bildet sich ein demokratisches Verständnis von Kultur aus, eine "linke Strategie und Religion der Freiheit", wie Celant schreibt, in der sich katholischer Idealismus und marxistisches Dogma vermischen. Die Dialektik dieser Polaritäten beherrscht den Dialog zwischen abstrakter Kunst und Realismus; die Erneuerung der Kunst findet auf der Grundlage dieser beiden Tendenzen statt."

Don Camillo und Peppone figurieren in der Ausstellung nicht. Die Macht realistischer Kunst ist in der Malerei mit zwei Gemälden von Renato Guttuso deutlich unterrepräsentiert. Und der Neorealismus von Regisseuren wie Luchino Visconti, Roberto Rosselini und Vittorio de Sica ist, wie Fellinis, Antonionis und Pasolinis Filme auch, in einer dichten Reihe damals üblicher Plakate vertreten: farbige Kinomalerei simpelster Güte für die schwarzweißen Kunstwerke der frühen Jahre. Ein kurioser Kontrast.