Den Dichter Ernst Barlach zu beurteilen, das ginge über meine Kompetenz. Aber über den Bildhauer Barlach habe ich ein Urteil: Dieser sehr norddeutsch geprägte Expressionist gehört zu den großen deutschen Künstlern unseres grausamen Jahrhunderts. Daß die Nazis ihn als "entartet" öffentlich deklassiert und seine Skulpturen beiseite geschafft haben, hat mich - damals noch ein unmündiger junger Mann - empört. Diese Behandlung Barlachs war eines der mehreren Erlebnisse, welche geholfen haben, meine Augen für die Verrücktheit der Nazis zu öffnen. Daß er auch unter Ulbricht mißachtet worden ist, hat mich danach nicht mehr verwundert.

Als ich Jahrzehnte später einen kurzen Besuch in der DDR machte, habe ich Honecker sehr nachdrücklich gebeten, Güstrow in das Besuchsprogramm einzubeziehen. Denn ich wollte den "Schwebenden" endlich an dem Ort im Güstrower Dom sehen, für den Barlach ihn gemacht hatte. Daß man mich mit allen Mitteln von den Bürgern dieser liebenswerten Kleinstadt abschirmen würde, habe ich - nach allen vorausgehenden Ostberliner Versuchen, mir diesen Abstecher auszureden und abzuschlagen - erwartet und in Kauf genommen. Denn auf Barlach und auch auf "sein" Atelier wollte ich nicht verzichten.

Heute, abermals anderthalb Jahrzehnte später, steht für Barlachs Werk möglicherweise ein böser Tag bevor. Denn am 10. Juni sollen bei Lempertz in Köln über einhundert Stücke versteigert werden, die alle nach Güstrow gehören, wo sie seit langen Jahren als Dauer- Leihgaben zu sehen gewesen sind: über sechzig Arbeiten von Barlach und über fünfzig Arbeiten von Marga Böhmer. Sie war Mitarbeiterin, vor allem aber die Lebensgefährtin Barlachs in seinen letzten, schweren Jahren der Verfolgung.

Barlach ist 1938 gestorben. Bis zu seinem Tode hatte er ihr viele seiner Arbeiten geschenkt. Ihrer Beharrlichkeit ist es zu verdanken, daß die DDR-Kunstzensur zugelassen hat, aus der mittelalterlichen St. Gertrudenkapelle eine Gedenkstätte und ein Museum für Barlach zu machen - obschon Barlach in das Konzept des "Sozialistischen Realismus" überhaupt nicht hineinpaßte, sondern, mit seinen Hölzern, seinen Terrakotten und vor allem seinen Bronzen an die gewandeten Figuren der Gotik anknüpfend, vielmehr versucht hat, der Spannung zwischen Erde und Geist, zwischen Mensch und Gott Ausdruck zu geben.

Barlachs Nachlaß ist gleich nach der Wende durch öffentliche Mittel des Bundes und des Landes Mecklenburg-Vorpommern unter Aufwendung von fast dreißig Millionen Mark für Güstrow gesichert worden; die Barlach-Stiftung hat sie übernommen und hat Güstrow - vor Hamburg und Gottorp - zum wichtigsten Barlach-Ort gemacht. Immerhin hatte der in Wedel/Holstein Geborene hier von 1910 bis zu seinem Tode gelebt. Allerdings sind damals die Reproduktionsrechte bei den Barlach-Erben verblieben, so daß inzwischen vielerlei Nachgüsse, Zweitbrände et cetera auf den Markt kommen konnten. Bei der bevorstehenden Versteigerung geht es um den Böhmer-Nachlaß, das heißt im wesentlichen um Barlachsche Originalarbeiten.

Marga Böhmer, die Barlach um dreißig Jahre überlebt hat, muß eine einzigartige Frau gewesen sein. Von ihrer eigenen Hand gibt es schöne Portrait- und Tierskulpturen. Wichtiger noch ist: Barlach hätte ohne sie kaum bis zu seinem Ende in Güstrow durchgehalten, nachdem der "Schwebende" aus dem Dom entfernt worden war, nachdem man sein Relief am Hamburger Krieger-Ehrenmal beseitigt und insgesamt fast 400 seiner Arbeiten ausgemustert, abgehängt, verbrannt und zerstört hatte. Es ist entscheidend Marga Böhmers Verdienst, wenn wesentliche Teile des Barlachschen Erbes trotz des Hasses der Nazis erhalten geblieben sind. Ihr Name ist von Barlach nicht zu trennen. Wie aber soll ihr künftig Gerechtigkeit widerfahren, wenn jetzt ihre Erbschaft in alle Winde zerstreut würde?

Schon jetzt sind mehr als einhundert Kunstwerke heimlich aus Güstrow abtransportiert worden. Hans-Jürgen Klug von der "Initiativgruppe Marga Böhmer-Nachlaß Güstrow" (er ist als einer der Lehrer Uwe Johnsons in die Literatur eingegangen) klagt: Der Blick auf die vom Kruzifix entblößte Wand in der Gertrudenkapelle war für viele Güstrower ein "schwerer Schlag". Und Volker Probst von der Güstrower Barlach-Stiftung spricht von dem "blutenden Herzen, mit dem sich die Barlach-Stadt von einem Teil ihrer Historie trennen muß".