Wo Menschen zersägt und Pistolenkugeln mit dem Mund aufgeschnappt werden, sind Illusionisten am Werk. Neuerdings trifft man solche Leute auch außerhalb des Zirkusmilieus, zum Beispiel bei der Eröffnungsfeier der Computermesse Comdex in Atlanta. Dort bezauberte letzte Woche Robert Frankenberg, der Chef des Softwarekonzerns Novell, die Gäste mit seinen Visionen. Auf offener Bühne ließ er sich zersägen, und hinterher schoß er auf einen Magier, der die Kugel mit dem Mund aufschnappte.

Das Publikum nahm die Gaukelei als Vorschuß auf das weit größere Kunststück, das die Firma verheißen hat: Bis zum Jahre 2000 soll eine Milliarde Menschen mittels Novells Netware miteinander verbunden werden.

Netware ist das Hauptprodukt des Konzerns, eine Software, mit der sich Computer, Drucker und Telephonanlagen zu Netzwerken zusammenschließen lassen. Auf diesem Markt ist Netware führend; nach Angaben des Zauberkünstlers Frankenberg arbeiten derzeit 80 Millionen Menschen mit dem Programm. Bleiben 920 Millionen, die bis zur Jahrtausendwende gewonnen werden müßten, rund 550 000 pro Tag. Kein Wunder, daß sich Frankenberg schon mal mit Gamaschen und Chaplin-Stöckchen wappnet.

Machen wir einen Abstecher nach Japan. Dort hält Novell Anteile an einer Firma namens Novell Japan. Mitbesitzer ist Softbank. Dieses japanische Großunternehmen kauft übrigens gerade das amerikanische Messewesen auf. Auch die Comdex, nunmehr Softbank Comdex, gehört bereits zu seinem Eigentum, und Robert Frankenberg reiste auf Einladung von Softbank an. In Deutschland hat Softbank die Netzwerkmesse Interop übernommen, in Japan nach und nach alle Computermessen, die es dort gibt, und alle Fachzeitschriften obendrein.

Masayoshi Son, der Gründer von Softbank, hat angefangen mit einer Handelskette für Software. Heute gehören 20 000 Filialen in Japan zu seinem Imperium; auf dem Softwaremarkt spielt er die führende Rolle. Aber auch auf anderen Gebieten ist er aktiv: Alle japanischen Unternehmen und viele Haushalte telephonieren inzwischen mit Unterstützung durch Softbank. Der Grund hat mit der Liberalisierung des japanischen Telephonwesens zu tun. Nach der Umstellung gab es neue Ortsvorwahlen, abhängig von der Gesellschaft, die die Verbindung zu der Region herstellt. Jedoch wählten die meisten Menschen weiterhin die gewohnten Nummern - und damit den teuersten Anbieter, den Exmonopolisten NTT.

Softbank erfand kurzerhand einen Spezialchip, der automatisch die gewohnte Vorwahl durch die billigste Variante ersetzt, je nach Tageszeit und Telephonstrecke. Mittlerweile ist dieser Chip in vielen Telephonen und Faxgeräten eingebaut. Er wird regelmäßig mit den neuesten Preisdaten gefüttert und kann landesspezifisch angepaßt werden. Für Deutschland, wo uns ebenfalls eine Liberalisierung der Telephone blüht, hat Softbank sich die Patente schon gesichert.

Und nun wieder zurück zu Novell. Über das gemeinsame Besitztum Novell Japan hat der Konzern den Zugriff auf die Softbank-Technologie erlangt. Die erste Frucht der Kooperation ist ein offenes Programmiersystem, das TSAPI gerufen wird, Telephony Systems Application Programming Interface. Mittels TSAPI kann ein Computer Telephone behandeln, als wären es selber wieder Computer. Damit ist dann alles zu steuern, was an ein Telephon gehängt werden kann, von Anrufbeantwortern bis demnächst zu Heizungsanlagen und elektrischen Türöffnern. Seitens der Telephonindustrie haben AT & T, Siemens und Alcatel bereits Unterstützung für das TSAPI-Konzept angekündigt.