Auf den totalen Krieg konnte nur noch eines folgen - die totale Niederlage des "Dritten Reiches", und dies hieß: des ganzen Deutschen Reiches. Deshalb ruft die Erinnerung an den 8. Mai 1945, an die bedingungslose Kapitulation des ersten deutschen Nationalstaates vor fünfzig Jahren, stets beides ins Gedächtnis zurück: das unerhörte Menschheitsverbrechen von Judenmord und Vernichtungskrieg, das Deutschland über die Welt gebracht hatte, aber auch die übermenschliche, ja wie jeder Krieg: unmenschliche Anstrengung, die schrecklichen Opfer, die es kostete, unser Land niederzuringen. Können wir uns diese doppelt totale Radikalisierung von Angriff und Niederlage ins historisch einmalige Extrem heute überhaupt noch vorstellen? Reichen unsere seelischen Kräfte aus, diesen Abgrund von Zorn und Schuld, von Scham und Schmerz noch einmal auszumessen?

I.

Als Richard von Weizsäcker vor zehn Jahren seine Gedenkrede geendet hatte, ging ein Gefühl von Befreiung und Befriedung durchs Land und durch die Welt. Endlich, so schien es, hatte ein Deutscher das Notwendige und alles Notwendige wahrhaftig gesagt. Wer war sich damals noch dessen bewußt, daß abermals zehn Jahre zuvor Bundespräsident Walter Scheel schon die eine Wahrheit ausgesprochen hatte, an der sich alles Erinnern zu orientieren hat: "Die deutsche Tragödie beginnt im Jahre 1933, nicht im Jahre 1945"?

Und wer hätte sich vorstellen können, daß dieser schon im Alten Testament formulierte unerbittliche Zusammenhang zwischen "Tun" und "Ergehen", zwischen dem eigenen Handeln und den Folgen für einen selbst, jemals wieder zerredet werden könnte?

Ausgerechnet im Namen einer "selbstbewußten Nation" haben einige ihrer selbsternannten Protagonisten in einer aggressiv-weinerlichen Anzeigenaktion versucht, die Wirkung über die Ursache zu stellen - nur eine der Peinlichkeiten dieses Gedenkjahres. Schon der "Historikerstreit" des Jahres 1986, der seinen Namen wenigstens verdient hatte, lehrte uns freilich erkennen, daß ein noch so stimmiges geschichtliches Leitbild den Kampf um die eigene Geschichte nicht zum Stillstand bringen kann, sondern ihn gerade wegen seiner zwingenden Verbindlichkeit immer wieder neu provoziert.

Die Geschichte ist ein Wanderer und ein Wiedergänger zugleich: Sie schreitet fort - und holt uns unversehens wieder ein. Was vor zehn Jahren niemand für möglich hielt, ist glückhaft Wirklichkeit geworden: zum einen die Einheit des besiegten und geteilten Landes, zum anderen das Ende der zweiten Diktatur, die Europa in diesem Jahrhundert heimsuchte, der Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft.

Zwar ist die zweite deutsche Einigung friedfertig vollzogen worden, doch wer sich in Illusionen über die wiedergewonnene Souveränität versteigt, vergißt schnell, daß zugleich alte Fragen über Deutschlands Rolle in Europa laut wurden; und um diese Rolle war der Dreißigjährige Krieg des 20. Jahrhunderts letztlich geführt worden. Die neuerliche Einigung bringt die Geschichte nicht zum Verblassen, sondern erst recht zum Vorschein.