Selten nur findet die Idee eines Verbandsfunktionärs auf Anhieb so viele Freunde. Keine anderthalb Jahre ist es her, daß Wilhelm Voss, Geschäftsführer des Unternehmensverbandes Hafen Hamburg, seiner Klientel per Rundschreiben etwas ganz Neues anbot: die sogenannte "assoziierte Mitgliedschaft". Mittlerweile haben 51 der nun 172 Mitgliedsfirmen, die im Hafen den Warenumschlag und andere Dienstleistungen besorgen, zugegriffen. Der Clou dabei: Die assoziierten Mitglieder können sich weiter der politischen Interessenvertretung durch ihren Verband bedienen - an die geltenden Tarifverträge sind sie indessen nicht mehr gebunden.

Die Konkurrenz der anderen Seehäfen in Deutschland und den Niederlanden im Nacken und die Klagen der Unternehmen über zu hohe Löhne in den Ohren, wußte sich Voss nicht mehr anders zu helfen, "wenn wir als Verband nicht weiter an Einfluß verlieren wollten". Doch seitdem geht es mitunter hoch her im Hamburger Hafen. "Da wird oftmals Arbeit zu abenteuerlichen Bedingungen feilgeboten", schimpft Rolf Fritsch, der Hamburger Bezirksvorsitzende der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV). Nun würden schon mal Arbeitswillige in Kleinbussen aus Ostdeutschland herangekarrt, die zwei Schichten nacheinander schaffen, unter Mißachtung der Arbeitsschutzbestimmungen und zu Stundenlöhnen, die weit unter Tarif lägen. "Das ist eine Katastrophe", meint Fritsch, "da bricht ein ganzes Tarifgefüge auseinander."

Aber auch der Verband hat sich neue Probleme geschaffen. Denn nun murren, verständlich genug, die tarifgebundenen Unternehmen, weil sie manche Aufträge nur noch ergattern können, wenn sie ihre Dienste mit Verlust verkaufen. Schon sind die Lübecker Hafenbetriebe ganz aus dem Zentralverband deutscher Seehafenbetriebe ausgetreten, um über kurz oder lang den strengen Tarifbestimmungen zu entkommen. "Ich frage mich", sagt Fritsch, "wie man unter heutigen Standortbedingungen überhaupt noch Tarifpolitik betreiben kann."

An der Waterkant läßt sich exemplarisch besichtigen, was in der ganzen Republik Arbeitnehmer- wie Arbeitgeberorganisationen zu schaffen macht. Der Flächentarifvertrag, lange Zeit allseits und zu Recht als wichtiges Ordnungsinstrument und Bedingung der wirtschaftlichen Prosperität gepriesen, gerät unter heftigen Druck. Nicht nur in Ostdeutschland halten sich immer weniger Unternehmen an die Verträge (siehe ZEIT Nr. 14/95). Angesichts der dramatisch verschärften Weltmarktkonkurrenz, der Bedingungen des europäischen Binnenmarktes und des tiefgreifenden Wandels in den Betrieben und Belegschaften erscheinen auch im Westen jene Flächentarifverträge immer mehr als Relikte einer vergangenen Zeit, die Arbeitsbedingungen und Lohnhöhe kollektiv für ganze Branchen regeln wollen.

Es ist weniger Unfähigkeit der Tarifpolitiker als die veränderte ökonomische Realität, die der hergebrachten Ordnung zusetzt. Der Strukturwandel, der in den zurückliegenden Jahrzehnten vergleichsweise abstrakt und schleichend verlief, wird für die Arbeitnehmer und ihre Organisationen unversehens beklemmend anschaulich. Auch in der Vergangenheit sind Industrien vor den hohen Löhnen geflohen und ins billige Ausland abgewandert. Doch letztlich weinte, außer den Betroffenen, sterbenden Branchen wie der Textilindustrie kaum jemand eine Träne nach. Mit den Billiglohnländern etwa in Fernost ist ohnehin nicht zu konkurrieren. Hohes Einkommen und normierte Arbeitsbedingungen galten als Rationalisierungspeitsche, die geholfen hat, Industrien mit hoher Wertschöpfung entstehen zu lassen.

Doch nun macht nicht nur die neue Billigkonkurrenz im nahen Osteuropa den Werktätigen die Schattenseite ihrer komfortablen Tarife schmerzhaft bewußt. Auch die Regeln des einheitlichen europäischen Binnenmarkts, der eben, was die Löhne betrifft, alles andere als einheitlich ist, schaffen neue Probleme. Denn die Ware Arbeit wird zu einem handelbaren Gut.

Prominentes Beispiel ist die Bauwirtschaft. Rund 200 000 Bauleute aus der Europäischen Union schaffen derzeit, dank der in der EU geltenden Freizügigkeit, als Mitarbeiter ausländischer Firmen oder extra gegründeter Verleihfirmen ganz legal auf deutschen Baustellen - zu Löhnen, die mitunter nur den Bruchteil des Tarifs ausmachen. Derweil "drücken sich", wie ein Branchenfunktionär formuliert, "arbeitslose deutsche Bauarbeiter an den Bauzäunen die Nasen platt" - etwa 130 000 Bauleute suchen einen Job.