Pitt Gsell 46 Jahre alt, betreibt in Marina die Campi auf Elba eine Tauchschule

Beim Aufstehen um halb acht schaue ich zuerst aus dem Fenster. Wer in den Bergen oder auf dem Meer arbeitet, ist stark vom Wetter abhängig. Ziehen die Wolken von Süden her über den Himmel, bedeutet das: Schirokko. Da muß ich mein Schiff, das vor dem Strand liegt, in Sicherheit bringen. Marina di Campo liegt an der Südküste der Insel, der Sturm aus der Sahara hat mir schon mal ein Boot auf den Strand geworfen.

An normalen Tagen setze ich vor dem Rasieren das Wasser für meinen Zitronentee auf. Nach dem Anziehen und Frühstücken bringe ich La Bionda aus dem Stall auf die Weide. Die Haflingerstute bekam ich vor zwei Jahren geschenkt. Seither hält sie das Gras auf meinem Grundstück kurz. Ich habe 16 000 Quadratmeter. Viel Macchia, also Gestrüpp, dann Wiese und natürlich das Haus. Das habe ich von Grund auf selbst gebaut in den letzten acht Jahren.

Unsere Saison beginnt an Ostern und dauert bis Ende Oktober. In dieser Zeit habe ich eine Siebentagewoche mit siebzig bis achtzig Arbeitsstunden. In der Saison sind zwei Tauchlehrer bei mir angestellt. Um halb neun bin ich am Strand. Seit zwei Jahren besitze ich dort ich ein eigenes Grundstück. Als Stützpunkt dient ein Container. Die Umzäunung, die Leitungen für Wasser, Strom und Kanalisation habe ich natürlich selbst gemacht, schließlich war ich früher Maschinenschlosser.

Nach der Begrüßung der Gäste und der Vorstellung der Neuankömmlinge teilen wir das Material aus. Ich habe zwanzig komplette Ausrüstungen: Anzüge, Tarier- und Rettungswesten, Flossen und Masken in allen Größen, Schnorchel, Bleigürtel. Auf dem Boot darf ich fünfzehn Gäste mitnehmen. Die Fahrt zu den Tauchplätzen dauert etwa eine halbe Stunde.

Wir haben vierzehn Plätze, die wir regelmäßig anfahren, je nach Wasser- und Windverhältnissen und den Wünschen der Taucher. Ich bin seit 1976 hier und kenne dort unten jeden Stein. In den letzten drei Jahren hat sich die Fauna ziemlich gut regeneriert - nachdem endlich gegen die "Harpunettis" wirksam vorgegangen wird. Die Unterwasserjagd ist jetzt nur mit Schnorchel erlaubt. Schon wer eine Harpune im Boot hat, macht sich strafbar. Seitdem die Carabinieri diese Vorschrift überwachen, sehen wir bei fast jedem Tauchgang wieder große Zackenbarsche und Muränen.

Während der Fahrt zum Tauchplatz teile ich die Gruppen ein, die Tauchlehrer besprechen mit ihnen den Tauchgang. Sobald der Anker Grund gefaßt hat, springen die ersten ins Wasser. Wenn alle von Bord sind, habe ich etwa zwanzig Minuten Zeit, um das Deck zu waschen und Kontroll- und Servicearbeiten am Schiff zu erledigen. Dazwischen schaue ich immer wieder aufs Wasser, ob vielleicht jemand Probleme hat und vorzeitig aufgetaucht ist. Der Notfallkoffer mit dem Sauerstoffgerät sowie ein volles Tauchgerät sind immer an Bord, für Notrufe habe ich Funk und Telephon. In all den Jahren hatten wir aber nie einen schweren Unfall.

Wenn die Taucher zurückkehren, nehme ich die Photo- und Videoausrüstungen entgegen, damit sie leichter die Leiter hochkommen. Die Flaschen kommen gleich zum Füllen an den Kompressor.

Pitt Gsell 46 Jahre alt, betreibt in Marina die Campi auf Elba eine Tauchschule

So um halb eins sind wir zurück an der Basis. Geräte und Anzüge werden mit Süßwasser gespült, dann mache ich noch Abrechnungen und Eintragungen in die persönlichen Logbücher der Taucher. Um eins fahre ich nach Hause, mache mir eine Suppe oder einen Teller Pasta mit Salat. Um zwei bin ich wieder an der Basis.

Nachmittags sind die Anfänger dran. Der Grundkurs nach der amerikanischen PADI-Methode dauert fünf Nachmittage. Zuerst kommt eine Theoriestunde, dann fahren wir mit dem Boot in eine ruhige Bucht, wo die Theorie in die Praxis umgesetzt wird. In der letzten Saison haben wir 128 Schülerinnen und Schüler ausgebildet. Eine praktische Prüfung gibt es nicht, der Schüler muß nur zeigen, daß er das Gelernte beherrscht, sonst kriegt er kein Diplom.

Um sechs sind wir zurück. Ich stelle die Diplome aus, mache Termine, beschaffe Ersatzteile und Brennstoff fürs Boot und für die Kompressoren, besorge Gästen ein Quartier. Ich versuche, um sieben daheim zu sein. Ingrid, meine Freundin, ist Krankenschwester und hat Schichtdienst im Spital. Wenn es der Dienstplan erlaubt, essen wir zusammen zu Abend. Anschließend bringe ich das Pferd in den Stall, dann muß ich noch den Bürokram erledigen. Einmal pro Woche machen wir einen Nachttauchgang, von neun Uhr bis Mitternacht. Ansonsten gehe ich um elf ins Bett.

Im November hole ich das Schiff zum Überholen aus dem Wasser. Auch die Kompressoren und die Tauchgeräte werden zerlegt und für die nächste Saison fit gemacht. Die Ausrüstungen für die Taucher werden alle zwei bis drei Jahre erneuert. Im Winter habe ich auch mal Zeit, um auf Bionda in die Berge zu reiten. Im letzten Jahr war ich mit Ingrid und ein paar Tauchfreunden auf den Galapagosinseln. Sie hat sich an Deck gesonnt, und ich kam endlich wieder mal zum Tauchen.

Aufgezeichnet von Peter C. Hubschmid