Jeden Abend bestrahlen riesige Scheinwerferkegel die 4500 Jahre alten Pyramiden von Gizeh, jeden Abend ist es das gleiche Spektakel. Wie gebannt lauschen Touristengruppen zu Füßen der Sphinx einer donnernden Stimme: "Der Mensch fürchtet die Zeit", dröhnt es aus Lautsprecherboxen, "doch die Zeit fürchtet die Pyramiden." Eine weitere Variante der pathetisch inszenierten Multivisionsshow wäre bis vor kurzem noch durchaus denkbar gewesen: "Die Pyramiden fürchten den Highway."

Ausgerechnet im Schatten der pharaonischen Grabmäler wollten Kairos Stadtplaner eine achtspurige Autobahn aus dem Wüstensand stampfen. Die Trasse, nur ein paar Steinwürfe von den Pyramiden entfernt, sollte als letztes Teilstück einer neunzig Kilometer langen Umgehungsstraße Kairos Innenstadt vom täglichen Verkehrschaos befreien. Doch hätte das Betonband gleichzeitig den Blick auf jene Monumente verschandelt, die als einzige der legendären sieben Weltwunder noch existieren. Damit nicht genug: Tausende von Lastwagen und Autos hätten täglich das Pyramidenplateau überrollt, die Grabmäler und die ohnehin schon brüchige Sphinx wären durch Abgase und Erschütterungen weiter zerbröselt.

Diesen Triumph moderner Verkehrspolitik über das pharaonische Erbe wollte die Unesco nicht dulden. Bereits Ende des vergangenen Jahres hatte die Kulturorganisation der Vereinten Nationen damit gedroht, die Pyramiden bei einer Realisierung des Highway-Projekts von der Liste der Weltkulturgüter zu streichen. 440 Baudenkmäler sind in dieser Unesco-Liste verzeichnet, Ägypten hätte im Fall einer Ächtung nicht nur finanzielle Subventionen verloren, sondern auch internationales Prestige. Prompt wurde die Umgehungsstraße zur Chefsache erklärt: Präsident Hosni Mubarak verhängte höchstpersönlich einen vorläufigen Baustopp über die Autobahntrasse, Kairos Verkehrsstrategen zogen sich zur Beratung zurück. Und womöglich würden sie noch bis ins nächste Jahrtausend hinein beraten, wenn nicht Anfang April eine eigens angereiste Delegation der Vereinten Nationen massiven Druck ausgeübt hätte. Schon am dritten Tag der Unesco-Mission gab Ägyptens Regierung bekannt, man habe das Bauprojekt nun endgültig gestrichen und sich auf eine Alternativroute abseits der Pyramiden geeinigt. Abdel Halim Nureddin, Generalsekretär der ägyptischen Altertümerverwaltung, faßte den Sinneswandel seiner Regierung in Worte, die er bislang so deutlich nicht aussprechen wollte: "Die Pyramiden sind einmalig", sagte er, "wir müssen sie schützen, ganz gleich, was es kostet."

Aus dem gigantischen Straßenprojekt ist nun eine potemkinsche Sackgasse geworden. Die Baukolonnen sind abgezogen, und am Ende der plattgewalzten Trasse ragt nur noch ein grauer Betonsockel in die Wüste. Nichts geht mehr. Wind fegt über den unvollendeten Highway, Beduinen haben sich das zurückgebliebene Bauholz unter den Nagel gerissen. Schon bald, so verspricht Ägyptens Regierung, werde die Gegend renaturiert. Sämtliche Erdaufschüttungen, die haushohen Steinwände und die Trasse sollen verschwinden, gleichzeitig werde der Umgehungsring etwa zehn Kilometer nördlich der Pyramiden verlegt.

Vielleicht wäre es ja besser gewesen, die ägyptischen Stadtplaner hätten rechtzeitig auf Leute wie Bayami Abu Saada gehört. Der alte Mann ist zwar kein Archäologe, aber dafür ein mit allen Wassern gewaschener Fremdenführer am Pyramidenplateau. "Es war doch klar, daß es so kommen mußte", sagt Abu Saada und lächelt, "die Touristen wollen hier keine Autokolonnen, sondern pharaonische Ruhe."

Auch Wissenschaftler wie Professor Rainer Stadelmann vom Deutschen Archäologischen Institut in Kairo sind sichtlich zufrieden. Der Ägyptologe hatte schon vor Monaten davor gewarnt, daß die Pyramiden durch ein Betonband stranguliert werden könnten. "Die engste Schlinge ist nun weggenommen worden", meint er, weist allerdings auch darauf hin, daß die 15-Millionen-Stadt Kairo trotz allem dringend eine Umgehungsstraße benötigt.

Rund 900 000 Fahrzeuge schieben sich pro Tag wie ein aus Blech zusammengebackener Lavastrom durch die Häuserschluchten der Nilmetropole. Was aus den Auspuffrohren herausquillt, findet sich in den Blutwerten der Bevölkerung wieder. Im Zentrum Kairos haben die Einwohner mit fast dreißig Mikrogramm Blei pro zehntel Liter Blut die weltweit höchste Schadstoffkonzentration in den Adern. Der Durchschnittswert in den USA liegt bei vier Mikrogramm. Nach einer Umweltstudie der amerikanischen Agentur für internationale Entwicklung USAID ist keine andere Metropole der Dritten Welt so abgasbelastet wie die ägyptische Hauptstadt: Kairo belegt noch vor Djakarta, Bangkok und Mexico-City den ersten Platz auf der bleigrauen Liste, auch die Schwefel-, Stickoxyd- und Kohlenmonoxyd-Konzentrationen liegen weit über den Grenzwerten der WHO.