Die Totalisierung des Krieges ist, wenngleich schon länger vorbereitet, erst im 20. Jahrhundert zur unverwechselbaren Signatur geworden. In allen Poren und Nervenbahnen der modernen Gesellschaften sitzt seit 1945 der Schrecken vor den unvorstellbaren Greueln der Kriegsfurie. Kein ernsthafter Zeitgenosse glaubt mehr an den Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Heute ist das Totengedenken eines der Warnung, der trauernden Kontemplation der Mahnung an alle Lebenden; und jene dröhnenden Schwadronaden vom Heldentod, vom Sterben fürs Vaterland, haben ihre Inspirationskraft verloren.

Das war keineswegs immer der Fall. Der Tod auf dem Schlachtfeld wurde seit der Französischen Revolution in den Dienst der Lebenden genommen, um höchst irdische Sinnstiftungen

und Legitimationsinteressen zu begründen. Seither fielen die Soldaten nicht mehr für die Dynastie, sondern für Volk, Nation und Vaterland. Und was einst der kirchlichen Messe anvertraut war, wird nun zur säkularen Aufgabe des Totenkults.

Freilich ist die deutsche Variante dieses emphatischen Gedenkens erheblich militanter und aggressiver gewesen als etwa die französische. Dort konnten immer wieder auch pazifistische und antimilitaristische, das heißt kritische staatsbürgerliche Akzente gesetzt werden. Dagegen ist das 1913 eingeweihte Leipziger Völkerschlachtdenkmal ein musterhaftes Beispiel für den patriotischen Furor, mit dem sich die deutschen Führungsschichten eine Andachtsstätte der eigenen Superiorität stiften wollten. Mehr noch als im Bismarck-Kult jener Jahre sollten in Gestalt dieses hoch aufragenden Monuments die Interessen-, Konfessions- und Klassengegensätze der wilhelminischen Gesellschaft überwunden werden. Mit dem Geist von 1813 gegen die "rote Flut" und das "öde Parteiengezänk"! Nichts weniger als die Heiligkeit der Nationalidee selber schien in jenem Gesamtkunstwerk in Leipzig am Ende Realität zu werden. "Opferfreudigkeit, Tapferkeit, Glaubensstärke und Volkskraft" sah man in der machtvoll emporstrebenden Pyramide inkorporiert.

Welch hohes Maß an politischer Instrumentalisierung hinter den verschiedenen europäisch-amerikanischen Denkmalprojekten und Totenkulten verborgen lag, wird in mehreren akribischen Studien des von Reinhart Koselleck und Michael Jeismann herausgegebenen Bandes untersucht. Schon 1870 war in Frankreich die Idee aufgekommen, ein Denkmal für den Unbekannten Soldaten zu errichten. Im Ersten Weltkrieg wurde sie wieder aufgegriffen und im November 1920 umgesetzt. Seither brennt die ewige Flamme über dem Grabmal des einfachen Infanteristen, der eine ganze Heerschar anonymer Feldgrauer ehrenvoll zu vertreten hat. Heftig hatten zuvor in Frankreich die politischen Kämpfe getobt. Wem gebührte der Anspruch auf den Sieg über die Deutschen: Frankreich als Nation oder der Französischen Republik? Einigkeit ließ sich im Streit der Meinungen nicht herstellen: Es gab eine Doppelzeremonie. Noch heutigen Tages wird die Ruhestatt des Unbekannten Soldaten unterm Triumphbogen von rechtslastigen Veteranenverbänden gepflegt.

Erheblich widerspruchsfreier verliefen die Unternehmungen im sowjetischen Totenkult. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte man zunächst zahllose spontane Trauerformen zugelassen, sie dann aber um die Mitte der sechziger Jahre untersagt. Riesige Memorialkomplexe sind seither entstanden, die unverblümt jene Apotheose von Kampf, Heldentat und Heroismus propagierten. Pilgerfahrten an Kontemplationsorte, in denen sich Natur, Skulptur und Architektur vereinigen, dienten der politischen Didaktik: Die für die Sache des Sozialismus Hingeopferten mahnen die Lebenden an ihre unveräußerlichen Pflichten gegenüber Staat und Partei.

Wie wenig sich in demokratischen Staaten nach 1945 die Gloriole des Heldentods in einverständiges Erinnern bringen ließ, beweist eine ausgezeichnete Studie zur Entstehung der Vietnam-Veteranen- Gedenkstätte in Washington. Wie gedenkt man des Todes von nahezu 58 000 Soldaten, die in einem weithin geschmähten und verurteilten Krieg womöglich sinnlos gestorben sind? Die äußerst konfliktreiche innenpolitische Geschichte dieser memorialen Großunternehmung wirft ein Schlaglicht auf die "Modernität" jeglicher Totenkultur am Ende des 20. Jahrhunderts.