Fernsehleute wissen schon ein Lied davon zu singen: Sie bearbeiten ihre Filme immer häufiger direkt am Computerbildschirm. Das Schneiden der Videos, bislang ein umständliches Geschäft, geht da mit digitaler Leichtigkeit vonstatten. Das Jahr 1995 darf nun die Branche als jenes vermerken, in dem diese Technik in fernsehgerechter Qualität auch für Amateure erschwinglich wird. Die auf der Computermesse CeBIT präsentierten Produkte für wenige tausend Mark lassen daran keinen Zweifel mehr.

Videofilme zu schneiden bedeutet traditionellerweise, zwei oder mehr Videorecorder und ebenso viele Monitore aufzustellen, dann einzelne Szenen des Rohmaterials auszuwählen und sie durch aufwendiges Kopieren zum gewünschten Endprodukt zusammenzustückeln. Diese klassische "Videonachbearbeitung" ist medienhistorisch gesehen ein Rückschritt: Ein Videoband kann man nicht einfach wie ein Tonband oder wie einen Filmstreifen mit der Schere schneiden - "blutig" nennen das die Fachleute - und dann nach Belieben wieder zusammenleimen. Bildstörungen wären unvermeidlich, denn das Bildsignal wird auf dem Videoband sehr dicht und in Schrägspur aufgezeichnet.

Also muß man die Szenen in der gewünschten Reihenfolge aus dem gedrehten Rohmaterial auf das eigentliche Masterband kopieren. Dabei sind ständig Kassetten zu wechseln oder umzuspulen, eine lästige Arbeit, die in der Regel den Großteil der teuren Studiozeit beansprucht (von den Nerven der Gestalter zu schweigen). Vor allem sind aber nachträgliche Änderungen praktisch nicht möglich - meist ist es nötig, den ganzen Schnitt noch einmal von vorn zu machen, wenn man das fertige Band an einer Stelle ändern will. Man kann es nicht einfach ein weiteres Mal umkopieren, denn bei jedem Kopierschritt sinkt die Bildqualität .

Die digitale Bearbeitung erlaubt dagegen einen direkten Zugriff auf das Material - fast besser noch als bei Tonbändern oder Filmstreifen - und damit eine wesentlich rationellere Produktion. Das verhilft nicht nur Werbefilmern zu höherem Ausstoß, sondern genauso Nachrichtenredaktionen zu mehr Aktualität. Sie können komplett bearbeitete Beiträge selbst dann in rund der Hälfte der früher üblichen Zeit produzieren, wenn sie beim Schnitt noch Varianten ausprobieren.

Die US-Firma Avid als Pionier dieser Technik hat sich bis heute als Marktführer gehalten. Sie stopft eine Kompanie spezieller Videochips in einen schnellen Apple-Macintosh-Rechner der neuesten Generation und verlangt für einen solchen Schnittplatz dann einige zehntausend Mark. Man darf davon ausgehen, daß mittlerweile jedes größere Videostudio dieses System zumindest ausprobiert.

Die neue Schnittechnik arbeitet stets nach demselben Schema: In einem ersten Schritt wird alles in Frage kommende Material von den Videokassetten auf die Festplatten des Computers überspielt - in digitaler Form und durch spezielle Rechenverfahren komprimiert (dazu mehr im Kasten nebenan). Dieser Vorgang ist die Herausforderung für die Technik, denn ein Videosignal in Sendequalität bedeutet digital einen Datenstrom von mehr als zwanzig Megabyte pro Sekunde, der heutige PC-Festplatten in wenigen Sekunden vollspülen würde - abgesehen davon, daß gewöhnliche Hardware so viele Daten in so kurzer Zeit gar nicht übertragen kann (auch nicht komprimieren, um sie dann zu übertragen).

Der zweite Schritt ist das eigentliche Schneiden. Der Computer spielt die gespeicherten Szenen nach Belieben auf dem Bildschirm ab. Szenenfolgen, Schnitte und Blenden können komponiert und wieder verworfen werden, ohne daß das Originalband angetastet wird.