Mit deutlich über 2000 Punkten ist der Deutsche Aktienindex (Dax) in den Mai gestartet. Unkenrufe einiger Banken, die vor einem Rückschlag um bis zu 150 Punkte warnen, wurden ignoriert. Solange sich der Dollar zwischen 1,36 und 1,38 Mark bewegt und sich die Zinsen auf einem vergleichsweise niedrigen Stand halten, sehen die meisten Börsianer keine Gefahr.

Was dennoch Sorge bereitet, sind die geringen Aktienumsätze. Die Tendenz wird vom Terminmarkt geprägt, echte Anlagekäufe haben Seltenheitswert. Die großen professionellen Investoren scheinen sich wie Versicherungen und Investmentfonds auf Tauschoperationen zu beschränken. Unter dieser Zurückhaltung leiden die Kurse jener Gesellschaften, die dabei sind, ihr Kapital zu erhöhen. Für die neuen Brau- und Brunnen-Aktien war das Interesse so gering, daß der Marktwert der alten Aktie zunächst auf den Emissionspreis zurückfiel.

Bei der Bayerischen Vereinsbank stellt die laufende Kapitalerhöhung ebenfalls eine Last dar. Noch liegt der Kurs der alten Aktien aber deutlich über dem Bezugspreis für die jungen, so daß das Bezugsrecht bisher einen Wert von über drei Mark erreicht hat. Im übrigen sind die Bankaktien, die in das Jahr 1995 als Favoriten gingen, dieser Rolle bisher nicht gerecht geworden. Ob das nach den Dividendenausschüttungen besser werden wird, ist keineswegs sicher. Bisher jedenfalls zeigen die Anleger keine Eile, die ausgezahlten Dividenden gleich wieder in Aktien zu investieren.

Daß es jederzeit zu Enttäuschungen kommen kann, hat in der vergangenen Woche Siemens gezeigt. Wegen einer von vielen erwarteten deutlichen Gewinnsteigerung hatten Siemens-Aktien in letzter Zeit kräftig aufgeholt. Doch die bisher vorliegenden Ergebnisse haben enttäuscht - vor allem die Tatsache, daß der Siemens-Vorstand die angesagte Ertragssteigerung um zwanzig Prozent wegen der starken Mark in Frage gestellt hat. Viele Banken haben deshalb ihre Anlageempfehlung für Siemens-Aktien von Kauf auf Halten umgestellt.

Vergleichsweise gut im Markt liegen immer noch die Papiere der Großchemie. Ausländer, die vor der Dividendenausschüttung ihre Hoechst- und Bayer-Aktien verkauft haben, scheinen sie jetzt wieder zurückzukaufen. Trotz der starken Mark konnten sich auch die Autoaktien behaupten. Gleichwohl werden Daimler-Aktien um 130 Mark niedriger als am Jahresanfang notiert. Keine andere deutsche Autoaktie hat mehr eingebüßt.