DRESDEN. - Hell und klar klingen die Glocken aus schneeweißem Meißener Porzellan durch den Zwinger. Wie Schillerlocken das Gesicht einer Hofdame aus dem 18. Jahrhundert scheinen sie die große Uhr am Glockenpavillon zu umrahmen. Das blaue Ziffernblatt mit seinen frisch renovierten goldenen Zeigern hebt sich deutlich von dem grauen Sandstein ab: Der Zwinger hat sein altes Glockenspiel zurück.

Jetzt erklingen wieder dreimal täglich und sommers viermal altbekannte Melodien, deren Komponisten in irgendeiner Weise mit der Geschichte Dresdens zu tun haben. "Wir winden Dir den Jungfernkranz" aus Webers "Freischütz" wurde gleichermaßen ver"glockt" wie der "Matrosenchor" aus Wagners "Fliegendem Holländer". Auch Vivaldis "Vier Jahreszeiten" sind zu hören, analog zu Frühling, Sommer, Herbst und Winter, denn alle Vierteljahre wird das Programm umgestellt.

Knapp drei Monate haben die Glocken Winterpause. "Am 6. Januar stellen wir sie ab", sagt Professor Günther Schwarze. "Die Glocken könnten Schaden nehmen, wenn sie naß sind oder wenn es draußen friert." Erst am Mittwoch vor Ostern, wenn jedes Jahr traditionsgemäß die Brunnen in Sachsens Landeshauptstadt angestellt werden, darf auch das Porzellan wieder erklingen.

Günther Schwarze ist Professor an der Musikhochschule und hat ein Faible für Glocken. "Ein erhebender Moment" sei es für ihn gewesen, als das Spiel am Zwinger wieder erklang, sagt er. Schließlich hatte er die Wiederherstellung von Anfang bis Ende begleitet, hat die Glocken gestimmt und die Melodien zusammengestellt. Zusätzlich zu den Liedern, die Tag für Tag zu hören sind, gibt es kurze Stücke, die auf Bestellung gespielt werden können. Da tönt dann "Eine kleine Nachtmusik" von Mozart oder das Schlußduett aus dem "Rosenkavalier" von Richard Strauß von dem Pavillon. Auch zwei eigene Kompositionen hat Günther Schwarze auf die Glocken abgestimmt. Und seinen Kollegen Volker Hahn hat er angeregt, ein Stück eigens für das Dresdner Glockenspiel zu komponieren. Es heißt "Carillon" und ist in der Datenbank gespeichert wie die anderen Melodien. Das Glockenspiel wird von einer kleinen Datenbank gelenkt und gesteuert. "Hier geht alles automatisch", sagt Schwarze und zeigt auf die roten, blinkenden Ziffern der digitalen Anzeige.

Jahrelang standen die Glocken am Pavillon still. Zwar hatte schon August der Starke den Wunsch, ein Porzellanglockenspiel fertigen zu lassen. Jedoch erst 1731 kommt es zu ernstzunehmenden Brennversuchen. 1736 werden 700 Klangkörper hergestellt. Davon können allerdings nur 52 verwendet werden, da die Feinstimmung der Glocken auf einen bestimmten Ton nach dem Brennen nicht möglich ist.

Erst in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts widmet man sich erneut dem Herstellen von keramischen Klangkörpern. 1933 wird ein Glockenspiel nebst Monumentaluhr am Zwinger installiert. 1945 fallen beide der Zerstörung Dresdens zum Opfer. 1965 werden sie rekonstruiert. Die Mechanik wird durch sogenannte Lochbandrollen gesteuert. In den neunziger Jahren schließlich machen Verschleiß der Steuerungs- und Anschlagtechnik, defekte Aufhängung und beschädigte Glocken eine Restaurierung erforderlich. Für 142 000 Mark wird die gesamte Anlage wieder instand gesetzt.

Kaum klingen sie, gibt's Ärger. Vom benachbarten "Taschenbergpalais" kamen erste Beschwerden. Der Glockenlärm störe die betuchten Gäste, sie können nicht schlafen. Professor Schwarze kaut auf dem Stiel seiner Pfeife. "Wir haben vorgesorgt. Die Uhr schlägt nur tagsüber", sagt er.