Fünfzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erinnern zahlreiche alternative Stadtrundgänge und -fahrten an die Nationalsozialisten, an Kriegsalltag und -ende sowie an die Zeit des Wiederaufbaus.

Bei den meisten offiziellen Stadtführungen und in den Programmen der großen Städtereisen-Veranstalter werden die Schauplätze der nationalsozialistischen Diktatur und die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs noch immer ausgeklammert. Wo sich etwa die lokale Gestapo- Zentrale befand, wo die jüdische Stadtbevölkerung zur Deportation zusammengetrieben wurde oder wo Tausende Zivilisten im Bombenhagel starben, erfährt der Besucher nicht. Vielerorts jedoch werden inzwischen alternative Erkundungsspaziergänge und -fahrten angeboten, die gezielt zu den jeweiligen Stätten des "Dritten Reiches" führen. Veranstaltet werden sie von Geschichtswerkstätten, Bildungsorganisationen und alternativen Reiseveranstaltern wie dem überregionalen Verein StattReisen.

Im Gedenkjahr 1995 werden besonders zahlreiche solcher "Stadtführungen wider das Vergessen" angeboten. Das gilt vor allem für die Städte, die sehr eng mit der verhängnisvollen Geschichte des Nationalsozialismus verbunden waren: In Nürnberg etwa veranstaltet der Verein Geschichte für alle bis Ende November Führungen über das ehemalige Reichsparteitagsgelände; am 20. Mai können dabei auch die ansonsten verschlossenen Innenräume der Kongreßhalle - des größten architektonischen Relikts des Hitlerregimes - besichtigt werden. Andere Rundgänge erinnern an die "Nürnberger Gesetze", mit denen die systematische Entrechtung der deutschen Juden eingeleitet wurde. Daß Nürnberg jedoch auch zum Symbol für die Niederlage der Nationalsozialisten wurde, zeigen die Führungen durch die Stadt, in der von Ende 1945 an die Kriegsverbrecherprozesse stattfanden. Informationen und Anmeldungen: Geschichte für alle e. V., Wiesentalstr. 32, 90419 Nürnberg, Tel. 0911 / 33 27 35.

In der ehemaligen Reichshauptstadt Berlin veranstaltet StattReisen regelmäßige Führungen zu den Schaltstellen des Nazi-Regimes und zu den Stätten der Olympischen Spiele von 1936. An die Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Stadtbevölkerung erinnert der Rundgang "Wege in das jüdische Berlin", der bis Ende Oktober jeden Sonntag angeboten wird. Auskünfte: StattReisen Berlin, Malplaquetstr. 5, 13347 Berlin, Tel. 030/ 455 30 28.

Den Aufstieg Hitlers von München aus und die Widerstandsaktionen der Weißen Rose thematisieren die Rundgänge, die das DGB-Bildungswerk Bayern (Schwanthaler Str. 64, 80336 München, Tel. 089/514 16 76) und StattReisen (Postfach 401832, 80718 München, Tel. 089 / 271 89 40) in der bayerischen Landeshauptstadt durchführen.

Weitere "Stadtführungen wider das Vergessen" finden unter anderem in Bonn (Bonn erleben, Burbacher Str. 144, 53129 Bonn, Tel. 0228/54 98 32), Dresden (igeltour, Pulsnitzer Str. 10, 01099 Dresden, Tel. 0351 / 54 557) und Freiburg (Vistatour, Brombergstr. 41, 79102 Freiburg, Tel. 0761 / 70 19 43) statt. Einen "biographischen Rundgang auf den Spuren von Arbeitern und Widerstandskämpfern" durch Dortmund bietet Tour de Ruhr (Sternbuschweg 12, 47057 Duisburg, Tel. 0203 / 42 62 44) an. In Hamburg veranstalten neben StattReisen (Bartelsstr. 12, 20357 Hamburg, Tel. 040 / 430 34 81) auch mehrere Geschichtswerkstätten Stadtteilrundgänge zu den Orten des NS-Terrors und des Widerstands. Auskunft: Kulturbehörde, Hamburger Str. 45, 22083 Hamburg, Tel. 040 / 291 88-4155.

Eine Reihe von Führungen befaßt sich schließlich mit dem Kriegsende und den Jahren des Wiederaufbaus: "Carepakete und Lorebahnen" heißt etwa ein Rundgang durch Münster (StattReisen, Ludgeriplatz 2, 48151 Münster, Tel. 0251 / 52 16 00). In Bremen zeichnet der Verein StadtLandFluss und Meer (Teerhof 46, 28199 Bremen, Tel. 0421 / 50 50 37) den Weg "Über Trümmer in eine neue Zukunft" nach. Einblicke in den Alltag der Adenauer-Ära vermittelt eine Führung von StattReisen Köln (Hansaring 135, 50670 Köln, Tel. 0221 / 732 51 13).