Jedes O kann jederzeit eine Null sein. Die Natur geht nun mal sehr ökonomisch vor, wie bei jenem skabrösen Requisit, das der Mann gebraucht, damit er "fortplanze seine Rasse / Und zugleich sein Wasser lasse". Nichts gegen Doppelnutzung, aber geht Vierfachnutzung nicht ein Spürchen zu weit? Für vier so konträre Brüder wie Minuszeichen, Trennungsstrich, Bindestrich und Gedankenstrich hält der Computer nur ein einziges Zeichen bereit, einen kurzen Strich.

Das Minuszeichen gönnt einem nichts; der Trennungsstrich fungiert als Leine oder Sehne zwischen situativ-kurzfristig auseinanderrutschenden Teilen; der Bindestrich dient sich als Callboy rauf - einzig dem Gedankenstrich sollte es der Duden nicht verwehren, sich auch optisch abzuseilen von solchem Unterhaltungsmilieu. Doch der Duden hat anderes zu tun: "Muß ein mit Bindestrich geschriebenes Wort am Bindestrich getrennt werden, dann wird kein besonderer Trennungsstrich gesetzt." Holy Bimbam! Hier wird befohlen, ein sowieso nirgendwo Vorhandenes keinesfalls in Anspruch zu nehmen. Prompt seh' ich einen blinden Fleck ganz scharf vor mir und versinke närrisch zusammenschaudernd in der enharmonischen Verwechslung einer unmusikalischen Legislative.

Der Gedankenstrich - ein melancholischer Mime, der sich selbst über einem Abgrund auszieht, und obwohl die Durchquerung von Meister Eckharts Leere oder Nagarjunas Shunyata keinerlei Zeit verbraucht, flehe ich hiermit den Duden an, den Gedankenstrich künftig doppelt so lang zu machen wie den Bindestrich. (Zusatzklausel: Der Gedankenstrich darf nur dort kurz bleiben, wo er als Fluchthelfer dient, wo er Seitentriebe und Einschiebsel aus dem Hauptstrom inselhaft herausheben soll.)

Im übrigen sei es fern von mir, dem Bindestrich irgenwie verächtlich gegenüberzustehn. Er ist oft nötig. Er tut viel Gutes. Er soll überall dort auflockernd und klärend eingreifen, wo Ei und Rühr ineinander gerührt zu werden drohen, bis vor lauter Rührerei die Worte Rührei und Rührerei kaum noch auseinandergehalten werden können. Druckerzeugnis irritiert; Druck-Erzeugnis: alles klar. Damit sich nichts bausche, müßte Bauschutt eigentlich Bau-Schutt heißen. Ohne Bindestrich springt aus der Mentholzigarette ein Stück Holz ungebührlich hervor. Mittem im Propangasservice öffnet sich eine Gasse - ewig wiehern die Blumentopferde.

Der Bindestrich hat Macht. Er kann jeden Flucht-Utensil-Bedarf zum Fluch-tuten-Silbe-darf machen -- und Frau Schmalz-Jacobsen und Frau Krone-Schmalz entweder zu Bindestrich-Mädchen oder zu Binde-Strichmädchen.

Dann wieder klebt er als Kopulationsglied wildfremde Leute aneinander. In Feuilleton und Waschzettelindustrie wimmelt sinnlich-rhythmische Prosa, detailgenau-schmiegsame Sprache, absurd-monströse Szenerie. Leider können sich solche "eigenschaftswörtlichen Zusammensetzungen" (Duden!) auf Rilkes fertig-vollen Garten Eden berufen oder des spätesten Goethe kühn-emsige Völkerschaft und edel-stummes Gebirge.

Dann wieder gibt es Wörter, die verhalten sich bindestrichabweisend. Sie wollen - statt einen Pfahl in ihrem Fleisch zu dulden - amphibolisch ineinanderwandern: Friedrich Achleitner prägte "Buschwindhose", Karl Corino "Wendehalstuch", Uli Becker "Pantha rei in der Tube". In meiner unvergeßlichen Jugendlyrik, geschrieben mit reinster Herzblutwurst, wimmelt es von wackelkontaktfreudigen Kraftwerkzeugen und Nordlichtmaschinen, Primärtriebtätern, Südfruchtwasser und Großmutterkuchen, Gängelbandwürmern, Fremdkörperbehinderung, Ansatzweisheit und Katzengoldmundgeruch. Noch weiter ineinander schieben sich die beiden Hälften der "Ökolumne" oder des von Gerold Späth geprägten Wortes "Vulvagina". Hier wurde ein und dasselbe Organ ineinandergeschoben, da streitet sich ein und derselbe virtuelle Bindestrich miteinander, ob er das Ö von der Kolumne abtrennen will oder das Öko von der lumne (Doppelspielraumausnutzung!). Von hier aus sieht der Bindestrich aus wie der horizontale Stock, der das aufgesperrte Krokodilsmaul am Zusammenwachsen hindert, zwischen Verkupplungsorgie und Ladenschlußstrich.