Auf den ersten Blick ist Werner Preusker ein besonders eifriger Umweltschützer. "Die Wirtschaft", fordert er, "muß sich am Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung ausrichten." Dennoch liegt Preusker mit anderen Umweltschützern im Dauerclinch. Denn als Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt (AgPU) versucht er, ausgerechnet den umstrittensten aller Kunststoffe mit Sprüchen wie "PVC auf Rio-Kurs", in Erinnerung an die UN-Umweltkonferenz, ökologisch hoffähig zu machen. Das ist nicht einfach. Das Umweltbundesamt bescheinigt dem Material "eine große Zahl ökologisch kritischer Eigenschaften". So entstehen bei der Herstellung Dioxine. Auch wenn PVC in Flammen aufgeht, wird das Supergift frei, weshalb der Verband der Schadensversicherer solche Brände, allen Dementis der Chemiefirmen zum Trotz, seit einem Jahr in eine höhere Gefahrenstufe einordnet. In Düsseldorf mußte nach einem Kabelbrand eine verseuchte U-Bahn-Station zeitweise stillgelegt werden. Dort werden nun keine PVC-Strippen mehr verlegt.

Selbst beim Recyclen des Materials gibt es Probleme. Nachdem in Vogelnistkästen aus wiederverwertbarem PVC hohe Mengen Schadstoffe gefunden wurden, bekommen Recyclingartikel aus PVC seit vergangenem Jahr keinen Blauen Engel mehr. Die Umweltorganisation Greenpeace bezeichnet das Material als Umweltgift - inzwischen in Österreich sogar mit der Erlaubnis des obersten Gerichtshofes, der eine Klage von drei Herstellern abwies.

Gerade solchen Attacken verdankt der Lobbyist Preusker seinen Job. Die zwanzig Milliarden Jahresumsatz schwere Branche mochte nicht tatenlos zusehen, wie ihr Produkt, das Polyvinylchlorid, ökologisch immer mehr in Veruf geriet.

Das PVC-Imperium wehrte sich mit Erfolg. Der Kunststoff verkauft sich mit 1,3 Millionen Tonnen Jahresumsatz ausgezeichnet, von Rückgang keine Spur. Der Baubereich boomt, und dorthin liefert die Branche über die Hälfte ihrer Erzeugnisse. Rohre und Fensterrahmen erzielten in den vergangenen Jahren meist zweistellige Zuwachsraten. Im März meldete die EVC, der größte europäische PVC-Produzent, Rekordabsätze und eine verdoppelte Gewinnspanne.

Kleine Absetzbewegungen stören da nicht weiter. Mittlerweile wickeln zwar Unternehmen wie beispielsweise die Supermarktkette Spar ihre Waren nicht mehr in PVC-Verpackungen. Die Allgemeine Ortskrankenkasse erprobt in Bayern sogar gerade eine PVC-freie Versichertenkarte. Doch während der Autokonzern Opel heute nur noch zwei Kilo pro Pkw verbaut statt wie früher zehn, können sich die PVC-Kocher mit Volkswagen trösten. Dort wird genausoviel verwendet wie eh und je. "Das PVC-freie Auto wird vom Kunden derzeit nicht verlangt", analysierten die Wolfsburger schon vor gut zwei Jahren. VW-Konkurrent Mazda annonciert sogar, daß ein PVC-Film den Unterboden der japanischen Wagen schütze. "Werbung mit PVC hätte es vor drei, vier Jahren nicht gegeben", sagt Lobbyist Preusker zufrieden.

Die PVC-Anbieter müssen mittlerweile auch deutsche Gemeinderäte nicht mehr fürchten. Zwar zählt Greenpeace an die 200 Städte und Gemeinden, die Beschlüsse gegen den Kunststoff verabschiedet haben. Doch das ist nur etwa jede hundertste deutsche Kommune. Und auch bei denen haben sich die Stadtväter oft Hintertüren offengelassen. So "kann" in Bonn umweltgerecht gebaut werden, aber es darf höchstens fünf Prozent teurer kommen.

In Berlin kontrollierte Greenpeace vor anderthalb Jahren öffentliche Baustellen und entdeckte auf allen offiziell geächtete Materialien wie PVC und Tropenholz. Kein Wunder, daß die PVC-Lobby versucht, den Ausstiegsbeschluß der Hauptstadt gleich ganz zu kippen. "Wir werden schon massiv unter Druck gesetzt", berichtet der für das ökologische Bauen zuständige Referatsleiter Peter Foerster-Baldenius. Doch die Stadtoberen trotzen der aufwendigen Industrie-Kampagne. Greenpeace verehrte dem bei Umweltorganisationen sonst nicht gerade beliebten Bausenator Wolfgang Nagel zwei Tage vor Weihnachten deswegen sogar eine Auszeichnung.