Stadt und Schrift haben sich über Jahrtausende zu utopischen Entwürfen verbunden, die die menschliche Eingebundenheit in den Kosmos abzubilden versuchten. Die Figuren des Himmels sollten, umgesetzt in Architektur, dem Menschen Ordnung und Sinn verleihen, ihm gegen die Drohung des Chaos, der ursprünglich gähnenden Leere, zu einem Gedächtnis, zur Erinnerung verhelfen.

Diese Utopien waren Festschreibungen eines idealen Ortes für eine Existenz des Menschen im harmonischen Einklang mit dem Kosmos; gleichzeitig waren sie, wie Bogdan Bogdanovic behauptet, von Anfang an "Ausdruck des Wunsches, Städte auf morbide Weise unwandelbar zu machen". Heute stellt "das All selbst . . . keine integrale Ordnung mehr dar, sondern ist ein riesiger und tragisch unbegriffener Wirbel, . . . eine Explosion, . . . zu Nebeln zersprüht . . ." Unsere Städte sind tendenziell Megalopolen geworden, die metastatisch wachsen und auf diese abartige Weise "explosionsartig zerfallen". Mit der Selbstzerstörung der Städte scheint die Urbanität selbst in Frage zu stehen. Ist die Stadt als anthropologische Errungenschaft und Metapher an ihrem Ende, wie es der Augenschein am Beispiel Bosniens zu beweisen scheint?

Bogdan Bogdanovic, der serbische Architekt und ehemalige Bürgermeister Belgrads, war bereits in seinem Band "Die Stadt und der Tod" diesen Themen auf der Spur. In der neuen Essay-Sammlung "Architektur der Erinnerung" folgt er ihnen weiter. Der Band versammelt Texte, die zwischen 1972 und Ende 1993 publiziert worden sind. In der "Architektur der Erinnerung" verdichtet Bogdanovic die Chronologie der Ereignisse zu einer Synopse. In gleichzeitiger Aufrufung und Verschmelzung von Gegenwart und Mythos des Begriffs der Stadt versucht er archäologisch jene Schnittstelle freizulegen, die das vollkommen Unbegreifliche der Ereignisse zumindest auf dem Papier nachlesbar macht.

In seinem ersten Band hatte Bogdanovic die These aufgestellt, das Geschehen in den bosnischen Städten, in Sarajevo, Mostar oder Vukovar, gründe im zyklischen Wiederauftauchen von anti- und vorurbanen Städtezerstörern, deren ethnischer Krieg zum Ziel habe, ihre Rassevorherrschaft zu untermauern.

In der "Architektur der Erinnerung" (Aus dem Serbokroatischen von Klaus Detlef Olof; Wieser Verlag, Klagenfurt 1994; 144 S., 29,80 DM) wird das "rituelle Städtemorden" der barbarischen Landbevölkerung nicht mehr nur zum Zeichen eines rassischen Überlegenheitswillens. Bei diesem Krieg handelt es sich um die Durchsetzung einer Vorherrschaft der Erinnerungen, die in "Exzessen der oktroyierten Erinnerungen" alle Gedächtnisse außer dem eigenen auszulöschen versucht.

Der Autor ist ein grandioser, höchst subtiler Städte-Leser. Die frühen Texte sind oft visionäre Sichten dessen, "was später geschah". Die späteren suchen nach Spuren einer Hoffnung wider besseres Wissen.

Als er nach Fertigstellung seiner "Semiologie der Zerstörung und Zeichen der Hoffnung" von der Zerstörung der Alten Brücke in Mostar am 12. November 1993 erfährt, fragt Bogdanovic sich und "die Jüngsten unter uns", ob sie "Andeutungen einer Wiedergeburt der erniedrigten und vernichteten Städte ausmachen", ob sie "das Bedürfnis (spüren)" können, solche Andeutungen "in sich selbst freizulegen unter so viel Trümmerschutt der Scham, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit".