Schon kurze Zeit nach dem Attentat in Oklahoma City kursierten im weltumspannenden Computernetzwerk Internet Verschwörungstheorien aller Art: "Wenn man sieht, wie Janet Reno [die Justizministerin der Vereinigten Staaten; die Red.] den Oklahoma-City-Bombenanschlag dazu benutzt, eine politische Hexenjagd gegen extremistische Gruppen zu starten, sollte man darüber nachdenken, ob es nicht Parallelen zwischen dem hier und dem Berliner Reichstagsbrand gibt." Ein weiterer User sagte es deutlicher: "Wenn ihr mich fragt, die Regierung war's. Ein Schachzug, um Antiregierungsbewegungen zu treffen."

Rasch gesellten sich zu den Verschwörungstheoretikern rassistische Zyniker: "Es gibt keine Entschuldigung für das Töten unschuldiger Kinder. Die für diese Tat Verantwortlichen töteten weiße Kinder. Dabei ist es doch eines der wichtigsten Ziele des Ku-Klux-Klan und der Nationalsozialisten, weiße Kinder zu schützen." Weit unten in seiner Botschaft forderte der "weiße Nationalist", daß die Attentäter dem Ku-Klux-Klan ausgeliefert und "für ihre Verbrechen an der weißen Rasse bei lebendigem Leib verbrannt werden sollen".

Immer mehr rechtsextreme Gruppen und Einzelpersonen gehen in jüngster Zeit ans Internet, um ihre Botschaften unters Volk zu bringen. Die Michigan-Miliz zum Beispiel, die nach dem Anschlag in Oklahoma in den Blickpunkt rückte, tauscht ihre regierungsfeindlichen Parolen gerne über Computer aus. Auch Auschwitz-Leugner und Geschichtsrevisionisten verwenden Internet für ihre Publikationen. Denn dieser Distributionsweg hat für sie eine Reihe von Vorteilen: In vielen Ländern (darunter Deutschland und Österreich) ist die Verbreitung von Schriften revisionistischen Inhalts verboten. Über den Internet-Service namens World Wide Web werden Texte, Bilder und sogar kurze Ton- oder Videoclips mühelos von den USA an einen anderen Ort der Welt transportiert. Die Empfänger können sie am Bildschirm lesen oder ausdrucken. Mitmachen kann jeder, der Computer und Internet-Anschluß hat. Rund dreißig Millionen Menschen sind weltweit ans Internet angeschlossen.

Der Amerikaner Greg Raven, der dem Institute for Historical Review (IHR), dem amerikanischen Revisionistenzentrum, nahesteht, war der erste, der diesen Kanal zur Verbreitung seiner Machwerke nutzte. Die amerikanische Revisionismus-Expertin Deborah E. Lipstadt charakterisiert das IHR als Einrichtung von "Holocaust-Leugnern, Neonazis, Deutschlandfanatikern, rechtsgerichteten Extremisten, Antisemiten, Rassisten und Verschwörungstheoretikern", deren Aufgabe es sei, revisionistisches Gedankengut zu verbreiten. Bekannt wurde das IHR vor allem dadurch, daß es in den Vereinigten Staaten eine "Anerkennung" von 50 000 Dollar für Personen auslobte, die beweisen können, daß es in Auschwitz Judenvergasungen gegeben hat.

Raven, der diesen Wettbewerb mitveranstaltete, fiel im kommerziellen amerikanischen Computernetz GEnie schon vor Jahren mit der öffentlichen Mitteilung auf: "Hitler ist ein großer Mann, vermutlich der größte dieses Jahrhunderts." Neben Raven treibt sich auch die millionenschwere Schlüsselfigur des Revisionismus, Ernst Zündel, im Internet herum. Neben einem "Who is Who" der Revisionistenszene und Buchbesprechungen speist er hauptsächlich Presseberichte über sich selbst ins Netz. Das Thule-Netz, ein Netzwerk europäischer Neonazi-Mailboxen, dient weniger dem Verbreiten von Information, sondern eher der Kommunikation zwischen den einzelnen rechtsextremistischen Gruppierungen. Neben Propaganda wurden in diesen Mailboxen auch schon Bombenbauanleitungen verbreitet. Der Zugang zu diesem Netz ist jedoch schwierig, denn hat man es geschafft, in eine der Mailboxen einzudringen, läßt sich darin nicht viel anstellen: Die "heißen" Mitteilungen, für die sich der Verfassungsschutz interessieren könnte, sind mit Paßwörtern gesichert. Das neuartige Verschlüsselungsprogramm PGP- Pretty Good Privacy (ziemlich gute Geheimhaltung) können nicht einmal die Geheimdienste knacken.

Auf den virtuellen Schwarzen Brettern diskutieren Rechtsextremisten in den Gruppen White Power (ein vorwiegend von Rassisten betriebenes Diskussionsforum), Nationalism (ein von Nationalisten gerne gelesenes Forum), Skinheads und schließlich Revisionism (das Forum der Geschichtsfälscher im Internet). In all diesen Diskussionsforen werden ungeniert Judenwitze, historische Lügen und rassistische Bemerkungen verbreitet.