Mein Krieg endete erst im Juni, nachdem mir eine als Ballettänzerin nicht sehr angesehene ältere Dame, der ich etwas zu bringen hatte, die Augen geöffnet hatte. Sie sprach nicht vom Krieg, von den Bomben (deren eine aus Versehen auf meine anhaltische Kleinstadt Coswig gefallen war), nicht von Trümmern, Krüppeln, Witwen, dem Hunger, sondern von den unvorstellbar vielen, vielen, vielen Toten, die "wir" in Europa auf dem Gewissen hatten. Und wiederum meinte sie nicht die "Gefallenen", sondern diejenigen, die durch "uns" kaltblütig gequält und ermordet worden waren, in den KZs. Bis dahin hatte ich dergleichen Andeutungen in wütendem Stolz ignoriert.

Kurz vorher, Mitte April, hatte mich endlich noch die "eilige Wehrmachtssache - frei durch Ablösung Reich" mit der Einberufung erreicht. Ich versuchte, meine Truppe per Anhalter zu erreichen, wurde von einem Auto mitgenommen, in dem ein Oberst saß. Obwohl ich alle Ränge vor und zurück aufzusagen gelernt hatte, redete ich ihn mit Oberstleutnant an, ein Irrtum, dessen ich mich monatelang geschämt habe.

Der Vater eines Freundes, bei dem ich Station machte, schickte mich, was ich unerhört fand, heim. Gierig, ein Held sein zu dürfen, meldete ich mich augenblicklich zum Volkssturm, bald zu einem Freikorps, das Berlin zu retten vorhatte. Mein Vater hintertrieb diesen Eifer, und so hielt ich an einer Straßensperre vor dem Gasthaus "Zum Bären" Wache. Ein alter Mann hatte versehentlich den letzten Schuß verschossen, so daß ich den Feind mit meinem italienischen Gewehr nur noch erschrecken konnte. Ich werde niemals den erschöpften, zerrissenen Landser und seine im Vorüberwanken gestellte Frage vergessen: "Auf wen wartest du eigentlich hier?"

Dann kamen, vom Bürgermeister herbeikomplimentiert, zuerst die Amerikaner von Dessau herüber, zwei Tage darauf die gefürchteten Russen. Der "Heldentod" Hitlers erschütterte mich mehr als danach der 8. Mai - bis ich die eigentliche Erschütterung durch jene Tänzerin erfuhr, als ich die Bilder und die Filme sah und die Berichte aus den Konzentrationslagern las. Es hat mich vollständig irregemacht. Ich wollte es nicht glauben. Ich hielt es eine Weile für Propaganda. Dann wußte ich nur eines: Niemals wieder! So wurde ich, kaum daß die Partei aller (!) Arbeiter gegründet war, SED-Mitglied. So trat ich, hell empört über ihre "Spalterpolitik" in Berlin, ein halbes Jahr danach wieder aus. Da erst war der Krieg für mich wirklich zu Ende.