Die amtlichen Bekundungen von Frankfurter Währungshütern zur Dollarabwertung und die Begleitmusik aus dem Finanzministerium erwecken den Eindruck, in Amerika werde das süße Gift der Inflation versprüht. Dem aber ist nicht so nach sieben Leitzinserhöhungen der US-Notenbank innerhalb des vorigen Jahres: Die Lebenshaltung in Amerika verteuert sich deutlich langsamer als auf dem Höhepunkt des vorherigen Konjunkturzyklus, gleichzeitig ist die Arbeitslosigkeit so niedrig wie seit fünf Jahren nicht mehr; die verfügbaren Einkommen steigen ebenso wie die Sparneigung.

Ein beneidenswerter Erfolg. Bonn und Frankfurt könnten daraus lernen, statt den Vereinigten Staaten orthodox gewordene Konzepte entgegenzuhalten, die vor einigen Jahren von Amerika nach Deutschland importiert und inzwischen im Mutterland verworfen wurden. Im Frankfurter Zentralbankrat freilich beginnt sich etwas zu regen: Der Präsident der Hamburger Landeszentralbank Hans-Jürgen Krupp sieht "keinen Anlaß, Zinssenkungsphantasie in Deutschland auszuschließen". Dessen sächsischer Kollege Olaf Sievert, wie Krupp einstmals im Sachverständigenrat, bringt Leben in die Diskussion.

Wenige Ökonomen bezweifeln noch, daß die hartnäckig hohen Realzinsen am kurzen und am langen Ende wesentlich zu schwachem Wachstum, unzureichenden Investitionen und spärlichen Innovationen beitragen. Bei überhöhten Zinsen lohnen sich zuwenig Investitionen in neue Anlagen, neue Produkte, neue Verfahren. Unternehmen nehmen nur die nötigsten Kredite auf, schlimmer noch, sie investieren eigene Mittel nicht in ihren Märkten, sondern sie gehen wegen der hohen Realzinsen mit Finanzanlagen fremd, weil sie dort mehr und risikoloser Gewinne machen können.

In den wachstumsstarken sechziger Jahren betrug der Zins nach Abzug der Preissteigerungen inden fünf führenden Volkswirtschaften 2,5 Prozent. In den inflationsträchtigen siebziger Jahren (Ölkrisen, Vietnamkrieg) lag er für sichere Anlagen bei weniger als 1 Prozent. Und in den achtziger Jahren mit der steil steigenden Arbeitslosigkeit kletterte dieser Realzins auf über 5 Prozent, war damit also doppelt so hoch wie in den glücklichen Sechzigern.

Gegenwärtig leistet sich die Bundesrepublik einen Realzins von rund 5 Prozent. So entstehen Standortprobleme.

Zentralbankratsmitglied Olaf Sievert meint dazu: "Es hat längere Zeit gedauert, bis die Erfahrung der nachhaltigen Inflationsbeschleunigung in den sechziger und siebziger Jahren voll in den langfristigen Zinsen enthalten war. Es dauert anscheinend noch länger, sie daraus wieder zu vertreiben."

Die US-Notenbank, so jedenfalls kann man es sehen, hat sich mit der Weigerung, die Leitzinsen zu erhöhen, wie Bonn und Frankfurt es gerne gesehen hätten, auf den steinigen Weg zur weltweiten Senkung der Realzinsen gemacht. Dazu aber braucht man Partner. Das Federal Reserve Board weigert sich, Inflationserwartungen zu schüren, die nicht begründet sind. Die US-Notenbank agiert nicht nach dem Motto: Für Stabilität kann man nie genug tun. Alan Greenspan, der Präsident der Notenbank, gewiß kein Inflationist, weiß eben und handelt danach, daß die Erhöhung der Zinsen am Geldmarkt und damit in den "Vorhöfen des Kapitalmarktes" als Signal verstanden wird, wegen höherer Inflationsrisiken höhere Kapitalmarktzinsen zu fordern.