Gary Paulsen hat mehr Bücher geschrieben, als die meisten in ihrem Leben lesen. Der Grund: Er hat so viel erlebt und glücklicherweise überlebt, daß ihm höchstens die Zeit, nicht aber der Stoff ausgehen kann. Die amerikanische Kritik überschüttet ihn mit Lob und vergleicht ihn inzwischen mit Hemingway und Steinbeck. Man kennt das. Manch einer wird ebenso schnell entdeckt wie vergessen.

Gary Paulsen ist keiner aus der typischen Talentschmiede von Creative- Writing-Kursen.

Der heute fünfundfünfzigjährige Schriftsteller und Essayist hat die Schule des Lebens besucht: Vater und Mutter Alkoholiker, frühe Trennung von beiden. Gelegenheitsjobs. Eintritt in die Army. Arbeit als Elektroingenieur und mit sechsundzwanzig der Entschluß, Schriftsteller zu werden. Paulsen ertränkt seinen Mißerfolg als Autor im Alkohol. 1973 gibt er statt des Schreibens das Trinken auf. Seine Western-, Action- und Abenteuergeschichten verkaufen sich so großartig, daß er nachts schreibt und tagsüber, um zu überleben, Lastwagen fährt, auf dem Bau arbeitet oder Biberfallen aufstellt. Zweimal will er ernsthaft dem Traum vom Schriftsteller abschwören, vergeblich. "Als mir das bewußt wurde", so Paulsen, "gab ich mich eben völlig dem Schreiben hin. Manchmal ist es sehr befreiend, ein Sklave zu sein."

Paulsens Bücher spielen dort, wo er sich auskennt, wo der Mensch sich gegen die Natur behaupten muß: in den nördlichen Wäldern Minnesotas, an der Grenze zu Kanada oder in Alaska. Zweimal nahm Paulsen am Iditarod teil, jenem legendären Schlittenhundrennen, das sich über 1180 Meilen achtzehn Tage quer durch Alaska erstreckt. Über dieses Rennen berichtet er in "Lied der Wildnis" und erzählt nebenbei von seinen Erlebnissen in diesen rauhen Gegenden. Mit der ihm eigenen kühlen Präzision und genauen Beobachtungsgabe, mit dieser Verbindung aus Anteilnahme und Distanz, führt er den Leser in eine Welt, die fern aller Zivilisationsträume liegt, dafür aber erstaunliche Geheimnisse und Weisheiten birgt. Gleich zu Beginn des Buches schildert Paulsen eine Situation, die ihm nicht nur die eigene Naivität drastisch vor Augen führt, sondern auch den Wunsch weckt, die Gesetze der Natur zu begreifen. Ein Rudel Wölfe jagt eine Hirschkuh. Paulsen, unterwegs mit seinen Schlittenhunden, wird Zeuge einer mörderischen Szene. "Meine Vorstellung, wie Wölfe sich verhalten sollten, hatte ich aus Tierfilmen im Kino und Fernsehen. Nie sprachen solche Filme vom Töten. Nie sprachen sie von Blut. Im Film wird im letzten Moment immer abgeblendet, und dann sieht man, wie die Raubtiere den Kadaver der Beute fressen. In Büchern wird der Akt des Tötens immer mit klinischer Sauberkeit beschrieben, beinah mit technischer Kälte. Doch er ist weder klinisch noch technisch. Er ist entsetzlich." Und dann berichtet Paulsen von diesem entsetzlichen, natürlichen Vorgang. Wer diese Seiten liest, erfährt, wie unbrauchbar und stumpf unsere Moralbegriffe in der Natur werden, weiß am Ende, wie Angst "riecht". Natur bedeutet nicht nur Idylle, sondern auch Kampf.

Auch Gary Paulsens Romane leben im rauhen Klima der Wildnis. Wobei Wildnis durchaus wörtlich wie auch als Metapher verstanden werden darf: Seine jugendlichen Protagonisten sind innerlich zerrissen und stehen vor einer ungewissen familiären Zukunft. Oft ist es die gescheiterte Ehe der eigenen Eltern, die sich wie eine autobiographische Folie über die Handlung legt. In "Foxman" entzieht das Gericht den Eltern des fünfzehnjährigen Erzählers vorübergehend das Sorgerecht, da die betrunkene Mutter ihn mit dem Messer verletzt hat. Man schickt ihn zu einem Onkel auf eine entlegene Farm im Norden. Obwohl der Junge zunächst die Langeweile in der Abgeschiedenheit fürchtet, entdeckt er bald neben den Härten des Farmerlebens auch die Schönheit und Harmonie der Natur.

Nun ist ein weiteres Buch von Paulsen erschienen: "Allein in der Wildnis". Eine Überlebensgeschichte, die 1987 in den USA mit der Newbery-Medal ausgezeichnet wurde. Das Buch gilt mittlerweile als Klassiker und wird unter den zehn besten Jugendromanen in der New York Times Book Review geführt.

Nach der Scheidung der Eltern will der dreizehnjährige Brian Robeson seinen Vater in den Ölfeldern Kanadas besuchen. Doch während des Flugs erleidet der Pilot einen Herzinfarkt. Brian gelingt es, die Maschine in einem See mitten in der Wildnis notzulanden, und er rettet sich gerade noch aus dem Wrack, bevor es versinkt. Allein und ohne Aussicht auf Hilfe bleibt Brian nichts als das Beil, das ihm seine Mutter vor dem Abflug in den Gürtel steckte - "The Hatchet", wie das Buch im Original heißt.