Bonn

Als der Fall des DDR-Agenten Günter Guillaume im Kanzleramtsstübchen aufflog, war klar, das konnte der Kanzler kaum durchstehen. Willy Brandt demissionierte. So wird die Kanzlerschaft Helmut Kohls nicht enden, auch nicht wegen der fröhlichen Plutonium-Luftschifferei zwischen Moskau und München: kein Nachruf.

Aber: Als Kanzler der Pannen und Affären hat Kohl 1982 begonnen, berühmt machte ihn, wie er sie aussitzt. Als Meister der falschen Zungenschläge und des oft beinahe Richtigen mußte er sich verspotten lassen. Von diesem Etikett hat Kohl sich allmählich befreit. Sein Amt funktioniert längst recht geräuschlos, es gilt in Bonn als allmächtig, ein Hausherr, dem alles pariert.

Die Frage an den Geheimdienstkoordinator Schmidbauer liegt ohnehin nahe: Wann genau wurde er informiert? Öffentlich mußte er sich bereits korrigieren lassen und widerrufen, nachdem zuerst Ulrich Wickert und dann die Münchner Staatsanwaltschaft ausplauderten, was ihr Wissensstand über seinen Wissensstand sei. Aber ebenso naheliegend ist es, erfahren zu wollen, wann Helmut Kohl was erfuhr. Auf eine entsprechende Anfrage Norbert Gansels erwiderte Schmidbauer lakonisch: "Der Bundeskanzler ist mehrfach in allgemeiner Weise über die sich aus dem illegalen Nuklearhandel ergebenden Gefahren und über die Vorgänge in München im Lichte der im Bundeskanzleramt vorhandenen Informationen unterrichtet worden." Wie oft? Wie allgemein? In welchem Licht? Und vor allem, wann?

Besonders interessant wird das ja, weil Helmut Kohl die Beziehungen zu Boris Jelzin als Chefsache betrachtet. Wenn es darum gegangen wäre, die Russen und ihre lockeren Nuklear-Sitten vorzuführen, hätte Schmidbauer Kohl informieren müssen, getreu der Devise: Nicht ohne meinen Kanzler! Helmut Kohl allerdings hätte sich wohl an den Kopf gegriffen, wäre er tatsächlich informiert worden. Unterstellt man aber, Schmidbauer habe nicht nachgefragt, wäre das noch verblüffender. Immerhin hatte Kohl schon früher bei Jelzin Kooperation angemahnt. In dem Fall wäre das eine schwere Panne.

Kann ja sein, daß sämtliche Amtschefs - vom BND bis zum Kanzleramt - ausgetrickst worden sind. Aber der Bonner Kanzler hat eigentlich allen Grund, selbst nachzuforschen - wenn er nicht plötzlich den Eindruck erwecken will, die Anfangsschwierigkeiten seiner Kanzlerschaft holten ihn ein.