Vor Kälte schlotternd stehen sie im winterlichen Mailand am Straßenrand, winken mit falschen Armani-Shirts und echtem afrikanischem Schnitzwerk und umwerben die Passanten mit dem einförmigen "Vous comprare?" - senegalesische Emigranten auf Zeit, die mit dem Traum vom "guten Job in Europa" gekommen und als fliegende Händler in Italien gestrandet sind. Zu Hause, so erzählen sie der Journalistin Elisabeth Hörler, darf keiner von diesem sozialen Abstieg wissen, denn die banabana, die Straßenhändler, gehören zur untersten Gesellschaftsschicht im Senegal. (Elisabeth Hörler, Vous comprare? Der afrikanische Traum vom europäischen Glück, mit Photos von Adriano Heitmann und einem Vorwort von Al Imfeld, Rotpunktverlag, Zürich 1994, 159 S., 30,- DM.)

Engagiert begleitet die Autorin drei Senegalesen auf ihrem Weg vom heimatlichen Dorf in das verheißene Land, berichtet von Schlichen und Demütigungen bei der Beschaffung der Papiere, von den Hoffnungen, mit denen eine Dorfgemeinschaft "ihrem" Auserwählten das Flugticket finanziert, von der harten und kalten Realität in Mailand, wo sie, die zu Hause zu den Angesehenen zählten, als Schmarotzer und Dealer verachtet werden, und von der Kraft, dies durchzuhalten, bis der Sprung ins gere gelte Arbeitsleben doch noch geschafft ist, was freilich den wenigsten gelingt. Und weil die "Vúcomprás" gegenüber den Verwandten und Freunden zu Hause die Illusion vom Gelobten Land aufrechterhalten, findet ihr vermeintlich erfolgreiches Beispiel immer neue Nachahmer.

So detailgenau und liebevoll die Autorin die Stimmungen der Senegalesen und deren spielerischen Umgang mit den beiden Kulturen, der afrikanischen und der europäischen, erfaßt, so pauschal ist ihr Blick auf das "feindlich" gesinnte Europa, das sich vor dem Ansturm der afrikanischen Wirtschaftsflüchtlinge nur durch Abschottung zu retten weiß. Sehr kategorisch unterteilt sie die Welt der Straßenhändler in Gut und Böse. Etwas weniger (Vor-)Urteil hätte dem lesenswerten und mit sensiblen Schwarzweißaufnahmen illustrierten Bändchen gutgetan. So bleibt der Leser informiert, aber auch etwas ratlos zurück.