Nein, rechtlich salonfähig ist die "Graffiti-Kunst" durch die "Mauermaler-Entscheidung" des Bundesgerichtshofs, deren Begründung jetzt vorliegt, nicht geworden. Das Bemalen oder Besprühen von Häusern, Autos oder Eisenbahnwaggons bleibt rechtswidrig und kann auch strafrechtliche Folgen haben. Und natürlich dürfen solche Graffitis abgewaschen oder übertüncht werden - selbst wenn sie einmal das wären, was die Juristen "aufgedrängte Kunst" nennen.

Was aber ist, wenn ein veritables Kunstwerk jemandem "aufgedrängt" wurde und der Eigentümer beim Weiterverkauf gerade dieses Kunstwerks seinen Gewinn macht. So war es nämlich bei der Berliner "Mauermalerei", die ja nicht bestellt worden war und nach dem Fall der Mauer in Stücken portioniert auf dem Kunstmarkt die Runde machte. Haben die Künstler vogelfreie Werke geschaffen, die allen gehören und niemandem zugleich? Oder müssen sie am Erlös beteiligt werden, wenn mit einem Mal stolze Summen bei einem Auktionator in die Kasse fließen?

Die Bundesrichter haben sich für eine "angemessene" Beteiligung der Künstler ausgesprochen und damit deren Rechte bei der Weiterverwertung von Werken deutlich verbessert - in einem wahrhaft singulären Fall freilich, aber durchaus nicht ohne Auswirkungen für die Zukunft. Seine Folgen: Auch mit "aufgedrängter" Kunst darf man künftig auf Kosten des Künstlers keine Geschäfte machen. Wenn ein Maler, auch diesen Fall hat es einmal gegeben, im Lokal auf der Rückseite einer Speisekarte etwas skizziert, was einen eigenen künstlerischen Wert hat, wird er Eigentümer dieses Bildes und kann es verkaufen - allenfalls müßte er dem Gastwirt die paar Groschen für den Wert des Papiers ersetzen. Denn wer durch "Schreiben, Zeichnen, Malen" aus einem Gegenstand eine "neue Sache" macht, wird Eigentümer dieser neuen Sache - so steht es im Gesetz.

Wie teuer ein schlichter Eimer oder eine Emailleschüssel werden können, wenn sie durch die Hände von Joseph Beuys gegangen sind, ist allgemein bekannt. Daß ein berühmter Künstler mit hohem Marktwert ein Haus bemalt und es damit zu einer solchen neuen Sache gemacht hätte - dieser Fall ist den Juristen bislang allerdings nicht unter die Augen gekommen. Hätte dieser Künstler etwa Picasso geheißen und das Haus einen bescheidenen Wert gehabt, wäre ihnen beim Blick ins Gesetzbuch die Antwort nicht leichtgefallen.

Und ins Nachdenken gerieten sie wohl auch dann, wenn etwa Horst Antes einen Gebrauchtwagen oder Georg Baselitz einen alten S-Bahn- Wagen bemalen würde. Rechtswidrigkeit hin, Rechtswidrigkeit her - am "Mehrwert" der Kunst, dies jedenfalls kann man aus dem neuen Spruch aus Karlsruhe herauslesen, müßten die Künstler beteiligt werden.

Und ein solcher Anteil könnte Künstlern auch zustehen, wenn in einem künftigen Multi-Media-Markt mit neuer Technik Kunstwerke geschaffen werden. Auch hier könnte, wie man bei der Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst die Dinge sieht, vom Partizipationsgedanken des neuen Urteils eine Signalwirkung ausgehen. Keine Geschäfte auf Kosten des Künstlers: Werden solche "zweitgenutzten" Werke gewinnbringend vermarktet, soll der Künstler seinen Teil haben.