Nun ist es heraus - mit fünfzig Jahren Verspätung. André Bettencourt, der Vorsitzende des Oréal-Konzerns und somit einer der mächtigsten Industriellen im Land, hat während des Zweiten Weltkrieges eine Serie von antisemitischen Pamphleten veröffentlicht. Wurde Bettencourt deswegen als Nazikollaborateur bestraft und geächtet? Im Gegenteil! Geachtet als Résistance-Kämpfer ging er aus dem Krieg hervor. Daß ihn jetzt seine Vergangenheit doch noch einholt, ist freilich nicht französischen Archiven zu verdanken, sondern amerikanischen.

Das Beispiel steht nicht allein. Die Polin Janina Sochaczewska war während des Krieges als "unerwünschte Ausländerin" im Frauenlager Rieucros interniert, wurde später entlassen und trat in die Résistance ein. Als sie viele Jahre danach um eine Aufenthaltsbewilligung nachsuchte und dazu ihr Dossier als Kriegsveteranin brauchte, war es ihr unmöglich zu beweisen, daß sie in Rieucros eingesperrt gewesen war. Das Departementsarchiv von Lozère verweigerte ihr die Einsicht. Nicht vor dem Jahr 2005 seien die Unterlagen zugänglich. Ausnahmen seien nur bei wissenschaftlichem Interesse möglich. Dieses kann Janina Sochaczewska nicht mehr nachweisen. Sie starb 1993.

Ihren Fall schildert Sonia Combe im Buch "Archives interdites" (Verlag Albin Michel), das zur Zeit großes Aufsehen erregt. Die Osteuropaforscherin vergleicht darin die französischen Zustände mit jenen in den kommunistischen Ländern. In unzähligen staatlichen Archiven ist sie auf widerspenstige Bürokraten gestoßen und hat Verzögerungs- und Verschleierungstaktiken kennengelernt. Wieso findet sich in einigen Departements aus der Vichy-Zeit fast nichts? Weshalb widmet ein Verzeichnis zwar fünfzig Seiten Dokumenten der Kultur, aber nur sieben dem Thema Polizei? Warum werden "sensible Archive" in vielen Inventaren nicht einmal aufgeführt? Oft sind just Dokumente aus den brisanten Jahren 1940 bis 1944 "noch nicht inventarisiert". "Wenn es Sie beruhigt", erhielt Sonia Combe auf entsprechendes Nachbohren zur Antwort: "Es gibt Sachen aus dem 14. Jahrhundert, die noch nicht inventarisiert sind . . ." Ein Beamter wies Sonia Combe ab: Gesuche um eine Ausnahmebewilligung würden gar nicht mehr weitergeleitet, da der Präfekt sie ohnehin stets ablehne.

Das Buch von Sonia Combe ist eine heftige Polemik. Doch selbst der Generaldirektor der Nationalarchive, Alain Erlande-Brandenburg, räumt ein, daß "einiges an ihrer Kritik berechtigt" sei. Sonia Combe ist überzeugt, einen regelrechten Kampf auszufechten. Nicht nur gegen den Staat und seine "Administration des Schattens", sondern auch gegen "den Serail der etablierten Historiker", die vor allem ihre privilegierten Zugänge nicht verschütten möchten. Angegriffen wird von ihr etwa der Zeitgeschichtler Henri Rousso, einer der führenden Experten für die Vichy-Zeit. Er räumt ein, daß manche Archive, besonders jene des Innenministeriums und gewisse Departementsarchive, nicht ausreichend transparent seien, schränkt jedoch ein: "Die volle Transparenz ist eine populäre Forderung, aber sie birgt Gefahren. Die Filter schützen ja nicht den Staat, sondern Personen." Für Rousso belegt das Beispiel der deutschen Stasi-Unterlagen mit all ihren Lügen und Halbwahrheiten, welchen Schaden manche Veröffentlichung anrichten kann.

Der Anwalt Serge Klarsfeld, der zusammen mit seiner Frau den Nazischlächter Klaus Barbie in Bolivien aufgespürt hat, hält die von Sonia Combe angezettelte Polemik für nötig. "Es braucht immer Leute, die an die Tür poltern." Er selber hat Erfahrungen mit den französischen Archiven gesammelt, etwa als er 1981 - dank einer Intervention des sozialistischen Innenministers Gaston Defferre - überraschend in den Kellern des Ministeriums für Kriegsveteranen die lange gesuchte Judenkartei fand, deren Existenz die Behörden zuvor bestritten hatten. Dennoch teilt Klarsfeld Sonia Combes Forderung nach völliger Öffnung aller Archive nicht: "Medizinische, juristische und polizeiliche Dossiers über Einzelpersonen geben oft nicht die Wahrheit wieder. Sie enthalten Verdächtigungen, Verleumdungen und können damit einen Menschen zerstören oder zum Rufmord an Kindern und Großkindern führen."

Der Hauptsitz der französischen Nationalarchive an der Pariser Rue des Archives ist ein trutziger Bau. Hier, wo 450 Angestellte 150 Kilometer Archive verwalten - weitere finden sich in Außenstellen -, herrscht eine Atmosphäre von Würde und Verstaubtheit. Doch der Eindruck ist nur bedingt richtig, denn Frankreichs Nationalarchive sind ganz vorne dabei, wenn es darum geht, Inventare von außen zu konsultieren. Code 3616 Caran erlaubt das via Minitel problemlos. Was nicht aufgeführt und unter Verschluß gehalten wird, läßt sich allerdings auch mit moderner Telekommunikation nicht erschließen.

Direktor Alain Erlande-Brandenburg betont, daß für ihn die Dienstleistung im Vordergrund stehe und nicht die Geheimniskrämerei. Das Archivgesetz von 1979 sieht vor, daß Dokumente frühestens dreißig Jahre nach ihrer Abfassung konsultiert werden können; bei Archiven des Präsidenten, des Premierministers und der Polizei dauert die Karenzfrist gar sechzig, bei juristischen Dossiers hundert und bei persönlichen 120 Jahre. "Mit diesem Gesetz stehen wir im Vergleich zu den meisten Ländern nicht schlecht da", meint Erlande-Brandenburg. Persönlich würde er freilich eine Harmonisierung der Fristen in Europa begrüßen. Als das Gesetz 1979 in Kraft trat, "galt es als überaus liberal". Weil sich jedoch seither "Sitten und Bedürfnisse" gewandelt haben, hat der oberste Archivchef gleich bei seinem Amtsantritt vor einem Jahr eine Untersuchung eingeleitet. Sie soll zeigen, ob eine weitere Liberalisierung möglich ist. Erlande-Brandenburg, der selber Spezialist für mittelalterliche Geschichte ist, teilt das Bedürfnis nach rascherer Öffnung. Den jährlich 1500 Gesuchen um Ausnahmebewilligungen gebe er in mehr als neun von zehn Fällen statt. Er wünscht sich eine Appellationsinstanz, an die sich wenden könnte, wer keine positive Antwort bekam.