"Verschleudert und verschludert" habe man im Prozeß der deutschen Einigung die Wissenschaft der ehemaligen DDR. So urteilt Dieter Simon, ein Mann, der es wissen muß, war er doch als Präsident des Wissenschaftsrates der Bundesrepublik maßgeblich an den Vorgängen beteiligt, über deren Ergebnis er ein so vernichtendes Urteil fällt. Eine Ahnung dieses Zusammenhangs hatte wenigstens die Redaktion, die den Artikel als "selbstkritische Bilanz" eines "Mittäters" ankündigt. Kein Leser, der den Wissenschaftsbetrieb nicht von innen kennt, käme auf die Idee, hier die Stimme eines Hauptverantwortlichen zu vernehmen.

Als gravierendsten Mangel der Wissenschaftsreform im Osten stellt Simon die einfache Übernahme des nach seinem Urteil maroden westdeutschen Wissenschaftssystems heraus: "Ruinen aus dem Westen als kostspielige Modelle für den Aufschwung". Da möchte man fragen, was der für die "Ruinen aus dem Westen" doch wohl zuständige Wissenschaftsrat früher getan hat, um dort bessere und vernünftigere Verhältnisse zu schaffen. Ein geringer Teil der immensen Energie, die darauf verwandt wurde, Hunderte von Wissenschaftlern in Dutzenden von Evaluierungskommissionen gen Osten in Marsch zu setzen, um die Forschungsinstitute der Akademie der Wissenschaften platt zu machen, hätte womöglich genügt, auf der eigenen Seite die längst überfälligen Reformen einzuleiten.

Unglaublich finde ich den Zynismus, mit dem Dieter Simon die Haltung der DDR-Wissenschaftler anprangert, die sich nicht wehrten, blitzartig angepaßt bereit gewesen seien, die miesen westdeutschen Wissenschaftszustände zu übernehmen, bis hin zur "Neigung zum kaltblütigen Genossenmord".

Prof. Fritz Klein, Berlin

Der Artikel, in Stil und Thematik durchaus vergleichbar mit den abstrakt-ideologischen Auslassungen der Vor-Wende-Zeit sowie mit den (verständlicherweise) abstrakt-programmatischen Thesen vieler Reformer der Nach-Wende-Zeit, ist alles andere als eine Bilanz. Es fehlt der Blick fürs Detail, kurz: Es fehlt der Blick auf die Realität. Wenn man diesen Blick anmahnt, gerät man in Deutschland leicht unter Positivismusverdacht. Ein anderer, schwerwiegenderer Verdacht ist aber nicht von der Hand zu weisen: Die in westdeutschen Zeitungen in regelmäßigen Abständen vorgetragenen Generaldiagnosen erwecken bei mir den Eindruck, als seien sie von Leuten verfaßt, die sich auf die mühsame Arbeit nicht recht einlassen wollen (und deshalb wohl Zeit für solche Artikel haben). Ich würde gerne Herrn Simon zu einem Spaziergang durch unsere Fakultät im Leipziger Unihochhaus einladen.

Prof. Christoph Hubig, Universität Leipzig

Was dieser Artikel zum Ausdruck bringt, verlangt nachdrücklichen Widerspruch. Der Autor leidet offenbar unter einer beispiellosen Selbstgerechtigkeit, die schon paranoide Züge trägt und einen völligen Realitätsverlust zur Folge hat. Daß dieser Autor einmal Präsident des Wissenschaftsrates war, macht allerdings stutzig. Argumentieren kann man gegenüber einem Autor, der so gänzlich in den Wolken schwebt, natürlich nicht mehr. Aber den Lesern der ZEIT sei immerhin empfohlen, sich die Realität des Neuaufbaus der Universitäten in den neuen Bundesländern einmal vor Ort anzusehen. Tatsächlich möchte ich den sehen, der mir dann in Jena konkret sagen könnte, wie der Neuaufbau dieser Universität effektiver hätte realisiert werden können.