Zwischen all den getragenen Gedenkfeiern mit vollmundigen Bekenntnissen zum "Nie wieder" und den Nachrichtensendungen über Kriegsereignisse in Tschetschenien und Bosnien, zwischen den Bildern vom Gipfeltreffen in London, Paris und Moskau oder den Satirespielen einer "internationalen Kontaktgruppe" bleiben vielleicht fünfundzwanzig Minuten, um einer Sonate 27. April 1945 zuzuhören. Der Komponist Karl Amadeus Hartmann mußte sie schreiben, nachdem er an besagtem Datum unmittelbarer Augenzeuge wurde, wie die SS kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner die "Schutzhäftlinge" des Konzentrationslagers Dachau "evakuierte", um sie an geheimen Orten umzubringen. "Bewegt": Das Tempo des ersten Satzes bedeutet zugleich eine Affekt-Chiffre für das ganze Stück, das im dritten Satz eine Marcia funebre besitzt (teilweise eine Paraphrase über das "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit"), bevor es in einem "Risoluto"-Finale in seiner motorischen Rhythmik noch einmal wie in einer programmatischen Übertragung, gleichviel aber mit den Mitteln der autonomen Musik das Kontinuierliche der Vernichtungsmaschinerie darstellt. Der Pianist Benedikt Koehlen läßt in seiner Aufnahme (Col legno 0647 301; über Polygram) die notwendige Virtuosität hinter der Eindringlichkeit zurücktreten und vermittelt so Betroffenheit. Das Booklet dokumentiert auf mustergültige Weise die Strukturen und durch eine Fülle von Notenbeispielen die kompositionstechnischen Analogien. Eine Parallele ist hinzugefügt: die (zweite) Sonate von Leos Janácek, die dieser komponierte, als am 1. Oktober 1905 der zwanzigjährige Frantisek Pavlik in Brünn während der Demonstration erstochen wurde, als er für die Einrichtung einer tschechischen Universität demonstrierte. Was sind schon neunzig oder auch nur fünfzig Jahre.

Heinz Josef Herbort

Musik ist keine Himmelsmacht, die uns nur für einen feierlichen Augenblick der schlechten Wirklichkeit enthebt. Sie ist aber auch nicht platt das Abbild der Realität. Eine neue, ganz eigentümliche Auffassung vom Nutzen der Musik, dem Musikdenken Ernst Blochs abgeguckt, findet man verwirklicht auf der neuen Doppel-CD Testimonies of War, Kriegszeugnisse 1914-1945. Dieser Titel klingt abschreckend nach O-Ton, die Datierung ist sonderbar: Artilleriefeuer? Bombenalarm? Frontberichte? Aus 31 Jahren Krieg? Dokumentiert werden aber nicht etwa die beiden Weltkriege, vielmehr die Spuren und Narben, die sie im Leben einiger Menschen hinterlassen haben; die freilich sind länger sichtbar und wieder hörbar. Hier sind es verschollene, vergessene Musikstücke, die subtil Zeugnis ablegen vom Krieg (Largo Records 5130, Bezugsadresse: 50674 Köln, Hohenstaufenring 43-45).

Zum Beispiel: "La Vie" - eine Ballett-Suite von Boris Blacher, kurz vor Kriegsausbruch komponiert für das Ballets Russe de Monte Carlo: auf dem Vulkan getanzt, nach neuester Mode mit Tango, Rumba und Rag, dabei gedämpft erzitternd vor Nervosität: mit viel martialischem Schlagwerk, Jazztrompete und hektisch klapperndem Xylophon. Das Stück kam kriegshalber nie zur Aufführung, ging verloren und tauchte erst ein Jahr nach dem Tod des Komponisten wieder auf. Nebst fünf weiteren raren Werken Blachers enthält die CD noch Musik von Vaughan Williams, Milhaud, Weill, Goldschmidt und Harrington Shortall, von zwei Exildeutschen und je einem Engländer, Franzosen, Amerikaner. Die Russen fehlen, vor allem fehlen die großen berühmten "Kriegszeugnisse" wie Schostakowitschs Babij-Jar-Symphonie oder Brittens "War-Requiem". Dafür findet man, was es sonst nirgends gibt, und das auch noch durchweg glänzend gespielt und sorgfältig produziert. Die Auswahl ist streng subjektiv. Weder Bekenntnis noch Widerstand wäre die passende politische Schublade, auch Leid und Läuterung reichen nicht aus als gemeinsames Drittes.

Diese CD ist also nicht "p.c.". Sie ist weder musikalisch, historisch oder politisch auf Linie. Gerade deshalb lohnt es, sie anzuhören. Man hört und findet nach und nach als Gemeinsames der diversen Zeugnisse, pathetisch gesprochen, so etwas wie ein Prinzip Hoffnung. Denn die Musik, schreibt Producer David Drew im Beiheft, sei womöglich als einzige Kunst imstande, "gleichzeitig zu trauern und zu frohlocken". Sie hat deshalb hohen dokumentarischen Wert: "Ihre Vorhersagen sind generell so zuverlässig wie ihre Zustandsberichte."

E. B.