Der sicherste Weg, selbst moralisch zu fallen, ist: andere zu verachten und zu verdammen.

Henryk Elzenberg (1887-1967), polnischer Philosoph, in seinem Tagebuch "Kummer mit dem Sein", 1941. Aus dem Buch "Fünfzehn Jahre Deutsches Polen-Institut Darmstadt, 1980-1995" (Justus von Liebig Verlag, Darmstadt, 1995; 216 S., Abb., 16,80 DM)

Augen auf für tschechische Literatur

Wo unsere engstirnigen Politiker, Kanzler Kohl voran, so wenig tun, um endlich das Verhältnis zu dem Staat zu verbessern, mit dem die Bundesrepublik - immerhin - die längste Grenze hat; wo das vielleicht noch nicht wieder großmächtige, aber schon wieder großkotzige Deutschland, wie es sich in den Politikern Kinkel & Stoiber entlarvt - wo das offizielle Deutschland auf die Freundschaftsgesten des Schriftsteller-Präsidenten Václav Havel mit Schweigen oder patzigen Gegenrechnungen aufwartet, ist es gut, sachliche Informationen über die bedeutende Literatur unseres östlichen Nachbarlandes zu erhalten. "Notate zur tschechischen Literatur seit 1945 und ihrer Vorgeschichte seit der Jahrhundertwende" - so bescheiden nennt Martha Höhl, lange Jahre Leiterin der Stadtbibliothek Bremen, ihre gründliche Darstellung, erschienen in zwei Heften der Zeitschrift Buch und Bibliothek, 9/94, Seiten 796-818; 10/11/94, Seiten 900-935; Postfach 1324, 72703 Reutlingen). Wo wird man, solange eine brauchbare Literaturgeschichte fehlt, über die zeitgenössische Literatur Tschechiens (bis in Fußnoten und Bibliographie) zur Zeit so gut informiert wie auf diesen sechzig doppelspaltigen Seiten, die einem ganzen Taschenbuch entsprechen. Es muß ja nicht sein, daß Frantisek Cerny, Leiter der tschechischen Botschaft, Außenstelle Berlin, auf ewig recht behält, wenn er feststellt: "Die Deutschen interessieren sich nicht für die Tschechen, aber das Interesse der Tschechen an den Deutschen ist hysterisch."

Census für Humboldt

Was ist der "Census"? "The Census", so heißt es in der Vereinbarung zur Überführung derselben an die Berliner Humboldt-Universität ". . . is devoted to the Nachleben of ancient art and architecture." Ein Fall von, wie man sieht, europäischer Kulturgeschichte, seit Aby Warburg besonders auch von deutschen Kunsthistorikern vorangebracht, die im Studium der Antike den "Königsweg" ihrer Arbeit sahen. Der "Census", 1946 von Warburgs Assistenten Fritz Saxl, Karl Lehmann-Hartleben und Richard Krautheimer am Londoner Warburg Institute gegründet, sammelt und erschließt sämtliche in der Renaissance bekannten antiken Bauwerke und Skulpturen. Seit 1981 sind über 15 000 Objekte und 20 000 Schriftquellen dieser Sammlung in einer Computer-Datei erfaßt. Am 21. April wurde von den Mitgliedern der Census-Gruppe (außer dem Warburg-Institute die Bibliotheca Hertziana in Rom, der J. Paul Getty Trust in Santa Monica, das Hamburger Warburg Archiv und die Berliner Humboldt Universität) ein Vertrag unterschrieben, der den Census, dessen Finanzierung in London und Rom abgelaufen war, nach Berlin überführt. Verwandlung eines Elfmeters durch Horst Bredekamp, den Spezialisten für Bomarzo, Wunderkammern und den Fußball zur Medici-Zeit, dem es trotz rigoroser Sparmaßnahmen gelungen ist, dieses exquisite Forschungsinstrument für die Humboldt-Universität zu sichern. Man wird, in Kooperation mit den anderen Instituten, die neue Nähe zu den Kunstwerken der Museumsinsel zu nutzen wissen - und den Census vielleicht bis in die Moderne fortführen.

Die Mitte Europas