HAMBURG. - Nach den Mordanschlägen von Mölln und Solingen herrschten in der türkischen Öffentlichkeit große Beunruhigung und Empörung. Gleichwohl haben weder diese noch die vielen folgenden Anschläge die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei ernsthaft belasten können, da die Verbrechen der Neonazis von der Politik wie vom überwiegenden Teil der deutschen Bevölkerung verurteilt wurden.

Die Situation hat sich in jüngster Zeit leider verändert. Die Reaktionen der deutschen Medien auf den Einmarsch des türkischen Militärs im Nordirak und der Stopp der vereinbarten Waffenkäufe seitens der Bundesregierung sind in der Türkei fast einhellig auf Ablehnung gestoßen. Zum ersten Mal scheint die traditionelle Sympathie der Türken für Deutschland und die Deutschen ernsthaft gefährdet. Am meisten leidet darunter die türkische Bevölkerung hier in Deutschland, nicht zuletzt auch als Ziel von über 130 Anschlägen allein in diesem Jahr.

Die türkischen Medien berichten voller Verärgerung darüber, daß in Deutschland kaum einmal zwischen der kurdischen Terrororganisation PKK und der kurdischen Zivilbevölkerung differenziert wird. So entsteht hier der völlig falsche Eindruck, als gehe das türkische Militär gezielt gegen die kurdische Zivilbevölkerung vor. Das Militär wird jedoch ausschließlich gegen die PKK eingesetzt, die laut eigenen Angaben mit rund 30 000 gut ausgebildeten Kämpfern und mit Unterstützung der benachbarten Staaten aus ihren grenznahen Basen in Syrien, aber auch dem Irak und Armenien in die Türkei eindringen. Finanziert werden diese Aktionen obendrein durch in Westeuropa erpreßte sogenannte Schutzgeldzahlungen sowie Gewinne aus dem Drogenhandel.

In den vergangenen zehn Jahren sind viele tausend Menschen, vornehmlich Lehrer, Ärzte, Soldaten und Polizisten, aber auch Frauen und Kinder, Opfer dieser Anschläge der PKK geworden.

Die Türkei - darin sind sich Parteien und Medien des Landes einig - hat wie alle Staaten das Recht, gegen Terror mit aller Entschiedenheit vorzugehen. Ziel sind dabei stets die PKK-Terroristen. Unbestritten ist aber, daß bei diesen Operationen, wenngleich unbeabsichtigt, auch die kurdische Zivilbevölkerung in beträchtlichem Umfang in Mitleidenschaft gezogen wird, da sie oft genug zwischen die Fronten gerät.

Nach dem Golfkrieg, durch den die Türkei wirtschaftliche Belastungen in Höhe von etwa 25 Milliarden US-Dollar hinnehmen mußte, entstand im Nordirak eine UN-Schutzzone für irakische Kurden. Absprachen mit den Führern dieser Kurden, Talabani und Barzani, in den von ihnen kontrollierten Gebieten keine Operationsbasen der PKK zu dulden, konnten wegen interner Zwistigkeiten nicht eingehalten werden. Es kam wiederholt zu Terrorakten der PKK aus diesem Gebiet heraus. Begünstigt durch das Fehlen einer staatlichen Autorität, konnte sich daher die PKK als dritte Kraft im Nordirak etablieren. Hunderte türkischer Staatsbürger fielen den Anschlägen, die aus diesen Gebieten heraus begangen wurden, zum Opfer. So dürfte es auch völkerrechtlich kaum angreifbar sein, wenn die Türkei die dort gelegenen PKK-Basen zum Schutz der eigenen Staatsbürger zerschlägt.

Daher stößt auch die massive Kritik mancher Nato-Verbündeter, insbesondere Deutschlands, in der Türkei quer durch alle politischen Parteien auf völliges Unverständnis. Als einziges Nato-Land reagierte Deutschland überdies mit Sanktionen. Die Türkei sollte in Betracht ziehen, von sich aus ihre Waffenkäufe in Deutschland zu beenden.