Wie alt ist ein "tausendjähriger Rosenstock" wirklich? Der am Hildesheimer Dom wird tausendjährig genannt. Nun hat er wieder einen Winter überlebt, man sieht's an den Blattknospen, die prall und klebrig in der Frühlingssonne glänzen. Tausendundein Jahr also? Und demnächst vielleicht tausendundzwei? Was soll's: Für den Volksmund wird er immer tausendjährig bleiben. Einfach uralt. Vielleicht hat Bischof Bernward, der diese Stadt groß gemacht hat, und das ebenfalls vor über tausend Jahren, den Rosenstock schon gekannt (oder, seien wir realistisch, einen seiner Vorgänger) und geduldet: Denn der kluge Bischof wußte wahrscheinlich, daß hier ein alter heidnischer Sakralplatz war, eine Quelle, deren Wasser noch immer die Wurzeln des Rosenstocks nährt - für die christliche Kirche ein Grund, gerade diesem Platz das eigene Heiligtum überzustülpen.

Ein romanisches. Eins von rund 300 Bauwerken, die zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert entstanden und im Lande Niedersachsen noch heute zu finden sind. Leider weiß das kaum ein Reisender. "Nur drei Prozent der Touristen kommen nach Niedersachsen wegen der Kultur", hatte man im Hannoveraner Wirtschaftsministerium irritiert vermerkt. Ich fand drei Prozent schon hoch. Bei Niedersachsen - denkt man da nicht an grüne Wiesen und viele Bauern, ein bißchen Mittelgebirge, den Harz, na sicher, und an die Landeshauptstadt Hannover, die autofanatisierte Architekten so verhunzt haben, daß ihr einziges Verdienst ein alter Park und eine Messe sind? Wenn es also ein fast gesichtsloses Land gibt, dann dieses seltsame Gebilde, das 1946 zusammengestoppelt wurde: aus den friesischen Küstengebieten, aus alten Territorialstaaten wie Braunschweig, Hannover, Oldenburg, Schaumburg-Lippe. Und dazu ein bißchen vom alten traditionellen Sachsen, das durch die DDR-Grenze vom Stammland abgeschnitten war.

Historisches Patchwork, kein Kulturraum, dachte ich jahrelang. Daß aber dieses Bundesland so reich ist an Kirchen, Klöstern und Kaiserbauten, merkte ich erst, als das niedersächsische Wirtschaftsministerium eine Kulturoffensive startete: "Wege in die Romanik". Ein Versuch, mit den Pfunden zu wuchern, die bisher ungenutzt im Weinberg der Geschichte vergraben waren, die Hoffnung, Historisches zurückholen zu können in die Gegenwart: durch die Gebäude, sicher, aber auch immer wieder durch Ausstellungen und Workshops, die sich mit der Zeit der Romanik befassen.

Hildesheim ist die erste Station auf einer kleinen Tour, die ins Kaiserlich-Königliche führen sollte, zu Pfalzen, Kirchen und Klöstern, die auf die eine oder andere Art Orte der Macht gewesen waren: Goslar, Königslutter, Süpplingenburg, Magdeburg und eben auch Hildesheim. Denn von hier, aus diesem ältesten Sachsenland, kamen die ottonischen und salischen Könige und Kaiser, die vom Beginn des 10. bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts, rund 250 Jahre lang, das Reich regierten: König Heinrich I. saß ab 919 als erster, Kaiser Lothar III. bis 1137 als letzter Sachse auf dem Thron. Ihr Stammland, das Gebiet ihrer Hausmacht, schmückten sie aus, überschütteten es mit Gut und Gaben, denn die Größe ihres Landes war ihr Ruhm und sein Frieden die Sicherheit ihrer Krone. Den Klöstern gaben sie Güter und Macht, damit die Kirche hinter ihnen stand, sie bauten Gotteshäuser und erkoren sie zu ihren späteren Grabstätten, sie befestigten Pfalzen und Burgen gegen die Slawen, die sie bekämpften, denn sie waren - auch - Missionare, die den christlichen Glauben nach Osten tragen wollten. Ihr Baustil war der, den wir heute als frühe und mittlere Romanik bewundern.

Bernward, der Kirchenmann, war auch Teil der weltlichen Macht: der Erzieher des späteren Kaisers Otto III. und ein gebildeter, weitgereister Mann, der nicht nur mit klerikalen Tugenden brillierte. Während seiner Zeit als Bischof von Hildesheim (993 bis 1022) setzte er seine künstlerischen Kenntnisse zur höchsten Ehre Gottes ein: Er und seine Nachfolger gaben der Stadt den Dom auf seinem grünen Hügel, ausgestattet mit Bronzetüren, bronzener "Bernwardsäule" und vergoldeter Lichtkrone, die zu den Wunderwerken an Metallarbeiten aus jener Zeit gehören. Und sie errichteten auf noch grünerem Hügel, ausgestellt und wie erhöht, die Basilika St. Michaelis. Ein kleines Wunder an Licht und Klarheit, mit hohen Arkaden, die Bögen im Wechsel rot und weiß ausgemalt, darüber eine kunstvolle Holzdecke. Die romanischen Kirchen, das weiß man heute, waren ursprünglich verputzt (auch von außen) und bemalt, nicht hell und rein, wie sie sich jetzt meistens zeigen.

In St. Michaelis liegt Bernward - 1192 als erster Sachse heiliggesprochen - begraben. "Teil eines Menschen war ich: Bernward. Jetzt bin ich bedrückt durch die Härte des Sarges - nichts als verächtlicher Staub". Von ihm eigenhändig, heißt es, auf die Platte gemeißelt, die sein Grabmal bedeckt. Ehrlich gemeint? Oder der übliche Topos der Bescheidenheit, wie es sich für einen anständigen Christen gehörte?

Alles andere als Bescheidenheit hatten die im Sinn, die in Goslar herrschten. Goslar war die Stadt der Regierenden, hier stand die wohl berühmteste Pfalz jener Zeit, steinernes Symbol für 250 Jahre Reichsgeschichte. Pfalzen - das waren die herrscherlichen Hotels, in denen die Kaiser, damals noch ohne festen Wohnsitz, auf ihren Zügen durch das Reich abstiegen, und die in Goslar wurde von ihnen besonders geschätzt. Die Stadt war reich geworden durch das Silber, das man im benachbarten Rammelsberg fand. Kaiser Otto III., der ehemalige Zögling Bernwards, beschloß um die erste Jahrtausendwende den Ausbau der Kaiserpfalz. Goslar - im Gegensatz zu Hildesheim im Krieg nicht zerstört - prunkt mit reichen Bürgerhäusern, einem halben Dutzend beeindruckender Kirchen, einem wunderbar erhaltenen mittelalterlichen Hospital, in dem noch alte bedürftige Frauen wohnen - für eine Mark Miete im Jahr -, bis es nach dem Tod der letzten Mieterin wohl doch in ein Ladenzentrum umgewandelt wird.