Wie nur hinwegkommen über die Befangenheit? Wie ein Gespräch beginnen mit jemandem, der nicht nur am Ende der politischen Laufbahn steht, sondern auch an der Schwelle zum Tod? Als ob ihm die tapfere Haltung keine Mühe bereite, tritt François Mitterrand hinter seinem Schreibtisch hervor. Zur Würde des ihm entgleitenden Amtes tritt die Würde des Alters hinzu - und die des nahen Abschieds von allem: die Faszination der letzten Augenblicke.

Welche Botschaft möchte der scheidende Präsident drei Tage vor der Wahl seines Nachfolgers an die Deutschen richten? Deutschland sei wieder eine große Nation. Mitterrand benutzt solche Worte nicht, um den Deutschen nur vordergründig zu schmeicheln. Große Nationen haben in seinem Verständnis vielmehr große Verpflichtungen, sie definieren sich aus ihren großen Projekten. Frankreich und Deutschland zusammen könnten in Europa einen poids principal, das vorrangige Gewicht, darstellen, und zwar als eine Entente, die Europa seine Chance gibt. - Ob denn Frankreich und Deutschland, die Zwillingserben des karolingischen Reiches, die fast tausend Jahre lang um ihren Rang in Europa gestritten haben, an der Schwelle zum nächsten Jahrtausend unwiderruflich gemeinsam den karolingisch geprägten Kern des künftigen Europas formen werden? "Gewiß, aber wir brauchen noch viel Geduld und Arbeit." Die Etappe, in der die Entwicklung noch umgekehrt werden konnte, liege hinter uns. Aber: "Wer zwei Jahrzehnte lang zögert, verspielt zwei Jahrhunderte."

Wird nicht, im Blick auf Bosnien und den allfälligen Rückzug der französischen Truppen, bald der wahrlich historische Tag heraufziehen, an dem zum ersten Mal deutsche Soldaten nicht gegen, sondern für französische Soldaten ihr Leben aufs Spiel setzen - und womöglich verlieren? Er sei gegen den Abzug der UN-Truppen aus dem früheren Jugoslawien. Aber für den Fall des Falles ist klar, was man von Deutschland erwartet.

Mitterrand, der Staatsmann, geht mit einem Mal ganz lebhaft aus sich heraus, als die Sprache auf die Zukunft des Sozialismus nach dem Fall der kommunistischen Diktatur kommt. Ob nicht sein doppeltes Septennat ein Symbol sowohl für den Sieg des demokratischen Sozialismus als auch für seine Erschöpfung sei? Zwischen Sozialismus und Kommunismus könne es keinen Kompromiß geben (wer Mitterrands frühere Koalitionen kennt, vernimmt dies mit Staunen), aber beide Bewegungen entstammten derselben Familie, demselben Kampf der Klassen. Der Sozialismus strebe jedoch nicht nur nach Gleichheit, sondern auch nach Freiheit und Demokratie. Dennoch habe der Sturz des Kommunismus auch dem demokratischen Sozialismus eine Hypothek auferlegt, freilich nur für eine Übergangszeit. Die Linke könne in Europa bald wieder mehrheitsfähig werden. - Trotz des weltwirtschaftlichen Wettbewerbs in den offenen Märkten des Kapitalismus? - "Ach, der Kapitalismus stößt doch gegenwärtig überall an seine Grenzen." Nein, in den elementaren Fragen seien die Fronten immer noch klar. "Es gibt Besitzende und Besitzlose. Und die einen beuten die anderen aus" - ein wenig höflicher als früher und weniger brutal: "un peu plus poli, un peu moins barbare". Die Rückkehr das alten Mannes zu seinen jugendlichen Impulsen?

Nun kommt Mitterrand doch noch einmal in persönlichen Tönen auf Deutschland zu sprechen. Er habe Deutschland zunächst als Soldat kennengelernt, als Kriegsgefangener, als Bürger eines besetzten Landes. "C`était un mauvais commencement" - Das war ein schlechter Anfang. Dann aber habe er Beispiele politischen und menschlichen Verhaltens kennengelernt, die ihm die Augen für das Bild hinter der Karikatur geöffnet haben, für das Deutschland Goethes und Hölderlins. "Und schließlich habe ich Preußen als eine große Zivilisation entdeckt." Napoleon und Hitler hätten versucht, ein Reich zu errichten - beide Konstruktionen seien wie Kartenhäuser zusammengebrochen. Nun sei es an Frankreich und Deutschland, diesmal im Konsens ihrer Bürger, Europa auf eine solidere Grundlage zu stellen.

Beim Abschied fällt der Blick auf ein Bild der von Mitterrand vor wenigen Wochen eingeweihten monumentalen neuen Nationalbibliothek, das so auf die Lehne zweier Sessel placiert wurde, daß der Präsident es von seinem Schreibtisch aus stets vor Augen hat - das letzte seiner grands projets. Politik im Dienst großer Projekte, Politik überhaupt als großer Entwurf: Für Mitterrand geht dieser Weg zu Ende - für Frankreich und Deutschland, dies ist seine letzte Botschaft, fängt der gemeinsame Weg zu großen Zielen erst richtig an.