Den jungen Amerikanerinnen fielen, wie es so heißt, die Augen aus dem Kopf. Gebannt starrten die vier Einkäuferinnen aus New York, alle in Designer-Schwarz mit weißen Blusen, auf das Korsett aus strahlend weißem Piqué. Welch eine Entdeckung auf dem Pariser Salon de la Lingerie. Alles war comme il faut - die Kreuzverschnürung im Rücken, zwölf Haken an der Seite und zehn eingenähte Stäbchen vom tiefen Dekolleté bis auf die Hüfte.

Anderntags kamen sie noch einmal und orderten Madame Poupies Korsetts für das Modekaufhaus Barneys. Auf der Madison Avenue würden sie als Tops zu Sommerröcken oder Hosen Furore machen. Gleich unten beim Haupteingang würde das weiße Piqué-Objekt stehen. Auf einem handgedrehten Holzständer zwischen den Schmuckkolliers - stolz, verfremdet und unnahbar.

Auf dem Salon de la Lingerie, dem Mekka für alle, die feinste Modewäsche suchen und verkaufen wollen, war Madame Poupies kleiner Eckstand die Attraktion für Kenner. Geputzte Büsten versprechen ein Sommerschlager zu werden, und Mme. Poupies Corséterie-Maßatelier ist so exklusiv, wie es die Zwischenhändler feiner Mode und ihre Kundinnen gern haben. Außerdem ist Mme. Poupie, glatt Mitte Fünfzig, so fröhlich. Eigentlich hat sie Jura studiert. Aber dann übernahm sie doch noch das Atelier ihrer Mutter in der Pariser Rue Cambon, nicht weit von Chanel, in einem alten Haus mit Mahagonischränken, in deren Schubladen schon ihre Ururgroßmutter Korsetts aufbewahrt hat. Mme. Hermine Cadolles Name findet sich in Kostümbüchern wieder. 1889, als sich die Damen noch in Leibchen einschnürten, erfand sie den ersten patentierten Büstenhalter.

Auch Rita Feldmann von der Hamburger Wäscheboutique Hoffmann hielt bei Mme. Poupies Stand an. "Ich sah das rote Ding an der Wand", erzählt die Hamburgerin, "und wußte, das muß ich haben." Jetzt hat sie es, das leuchtendrote Satinkorsett mit schwarzen Tüllrüschen am Ausschnitt. Die ersten Exemplare wurden sofort aus dem Schaufenster verkauft. Dann telephonierte sie gezielt. Denn die Neomieder vom Jahrgang 1995 "sind nur was für Junge". Das schöne weiße Piqué-Stück kriegte eine Zwanzigjährige als Top zu einem aprikotfarbenen Kostüm für einen Trip auf die Bermudas.

Dringend wartet Frau Feldmann auf ein Korsett mit blauen Schrägstreifen, ein Top für Blue jeans. Aber Mme. Poupie flog noch mal kurz nach Los Angeles und New York zum Defilee ihrer Musterkollektion in den eleganten Department Stores. Es gibt da Maßkundinnen mit viel Geld.

Die Codewörter der neuen Modesprache heißen Push-up und Outerwear. Push-up steht für alles, was den Busen, dieses jahrzehntelang modisch gesehen eher hinderliche Körperteil, anhebt und vorpreßt. Outerwear - im Gegensatz zu Innerwear - bezeichnet Wäschestücke, die jetzt unerwartet ans Tageslicht befördert werden. Motto: Man zeigt, was man hat. "Warum verstecken?" fragt die Textil-Wirtschaft. "Die neue Wäsche ist eine Augenweide." Dafür sind überall schöne Beispiele zu entdecken. So stolziert Sophia Loren im Film "Prêt-a-porter" in einem schwarzbraunen Korsett mit Strapsen und hohen Hacken verheißungsvoll auf Marcello Mastroianni zu, der schon auf dem Bett liegt. Bevor es zum Äußersten kommt, ist Mastroianni freilich eingeschlafen, und beleidigt tapst die Loren mit dem schweren Gang der Sechzigjährigen zur Tür.

Im französischen Fernsehen befragte die Journalistin Anne Sinclair, tiefdekolletiert im rosa Tweedjäckchen, den Regierungschef Edouard Balladur. Eine Stunde dauerte das Interview, und der eher spröde Mann wußte nicht, wohin mit dem Blick. Anne trug weder Bluse noch Body.