Mit einer bunt bedruckten Plastiktüte in der Hand schlenderte unser Kollege Ben Witter durch seine Heimat Hamburg in die Redaktion der ZEIT. Der "Spaziergänge mit Prominenten" unternahm und "Großstadtgeschichten" im Kleinformat schrieb, war ein aufmerksamer Stadtstreicher und "Stadtschreiber".

Der einen kleinen Hut auf mächtigem Haupt balancierte, war nicht auffällig gekleidet. So wie er daherkam, konnte der am 24. Januar 1920 in Hamburg geborene Schriftsteller, der als eines seiner ersten "Werke" das "Tagebuch eines Müßiggängers" (1962) zu veröffentlichen für seine Pflicht hielt, in jedes hanseatische Luxushotel schreiten. Er verbrachte seine Tage, seine Nächte lieber dort, wo er in seiner schlichten Aufmachung, Zigarette im Mundwinkel, ebensowenig auffiel, in den Lokalen am Hafen, in den Stehkneipen von St. Pauli, wo er den Leuten aufs Maul schaute: "Deutschland, deine Ganoven" (1970), "Knast" (1974), "Dunkle Geschichten" (1974), "Es geht auch ohne Helden" (1986).

Waren wir deshalb so überrascht, als nach seinem Tod am 12. Dezember 1993 in Hamburg herauskam, daß Ben Witter seine Zeitungs- und Buch-Honorare über Jahre hin sorgsam gehütet hat? Der bescheidene Tagelöhner am Schreibtisch seiner kleinen Wohnung in Eppendorf durfte nach landläufigem Verständnis keineswegs als mittellos gelten. Jetzt erinnern wir uns an Bemerkungen des kinderlosen Junggesellen: Wozu soll ich Geld für mich ausgeben? Ich stifte das alles mal jungen Kollegen. Mensch, Ben! dachten wir, "leiste" dir doch selber mal was. Haben wir je das Fremdwort Ferien aus seinem Mund gehört?

Nun gibt es, benannt nach dem Autor, der eine in deutscher Literatur kaum bekannte, geschweige denn gepflegte Gattung der bis zum Zweizeiler ausgehungerten Kurz-Gedichte, Kürzest-Erzählungen, Schrumpf-Romane erfunden hat, die er "Nebbichs" nannte - nun gibt es seit ein paar Monaten in Hamburg die "Ben Witter Stiftung" als "rechtsfähige Stiftung des bürgerlichen Rechts". Sie ist, nach Klärung aller Nachlaßbestimmungen, finanziell so ausgestattet, daß sie jährlich einen "Ben Witter Preis" (25 000 Mark), einen Förderpreis und Stipendien vergeben kann. Über den Stiftungszweck lesen wir als Paragraph 2 der Satzung: "Ausschließlicher und unmittelbarer Zweck der Stiftung ist die Förderung der Kultur."

Der Journalist Ben Witter war immer etwas irritiert, daß Literaturkritik und Dichtungswissenschaft die Besonderheiten seiner literarischen Formen kaum wahrgenommen haben. Seine "Spaziergänge" sind eben keine Interviews im üblichen Sinn. Sie gleichen eher (Selbst-)Portraits der mit Ben Witter spazierenden Politiker, Manager, Künstler. Und die Mini-Romane seiner "Nebbichs"? In Frankreich, in Polen gibt es verwandte Formen: den Roman in einem einzigen Satz; die in ein Wortspiel gezwungene Erkenntnis von Leben, Welt, Mensch und Schicksal. Aber es sind ja gerade keine Aphorismen, an denen Ben Witter bei seinen Streifzügen durch die Stadt gefeilt hat. Absichtsvoll verweigert er vielen seiner "Nebbichs" die Pointe. So haken sich seine Sätze im Kopf des Lesers fest, machen unruhig, nötigen zum Mitund Nachdenken. Wie definiert man, literatur-kritisch, -historisch, zwei solche Sätze: ",Sie könnten ja mein Vater sein`, sagte das Mädchen. Ich brachte es zu Bett."

Verständlich also, daß der tote, in seinen Büchern ("Nachrichten aus der Unterwelt", 1976) so lebendige Autor bestimmt: "Die Stiftung soll das journalistische und schriftstellerische Werk von Ben Witter und das Gedächtnis daran pflegen. Der Stiftungszweck wird insbesondere verwirklicht durch Aufbereitung, Verwaltung, Veröffentlichung und Erforschung des literarischen Werks von Ben Witter im Dienste der Allgemeinheit; durch Vergabe von Stipendien und Zuschüssen an Journalisten und Schriftsteller; durch Vergabe eines ,Ben Witter Preises`."

Nun hat der Vorstand der Stiftung (drei von Ben Witter gebetene Kollegen der ZEIT aus verschiedenen Redaktionen und ein der ZEIT verbundener, an Literatur mehr als nur interessierter Anwalt) in Abstimmung mit der Feuilleton-Redaktion zum ersten Mal den "Ben Witter Preis" vergeben, an Gabriele Goettle.