Geologen sind so nüchtern: Der Olymp, sagen sie, mit 2917 Metern der höchste Berg Griechenlands, hätte sehr viel mehr mit den Kykladen zu tun als mit den Göttern. Denn für die Geologen sind die Kykladen Berggipfel wie der Olymp, nur daß ein Teil von ihnen unter Wasser liegt. Kein Wort davon, daß diese "Perlen von Hellas", wie sie früher genannt wurden, mehr als nur Felsbrocken sein könnten, die ihre - mittlerweile - kahlen Schädel über Wasser halten. Kein Wort davon, daß man Berge versetzen kann, ohne auf Vulkanismus oder tektonische Verschiebungen, Erdbeben, Flutwellen oder sonstige sogenannte Naturkatastrophen angewiesen zu sein. Im Spättertiär und im Altdiluvium, so sagen die Geologen, hätte sich die Erde in Griechenland im rechten Winkel aufeinander zugeschoben. Dabei sei unter anderem eine Bergkette entstanden, die sich nun vom Olymp und über den Pelion und über die Insel Euböa bis hin zu den Kykladen erstrecke.

Ganz so einfach ist das nicht, denn es kann auch ganz andere Naturereignisse geben. Wenn Göttergattin Hera den sexuellen Bedürfnissen ihres Zeus nicht mehr genügt und er der schönen Asteria hinterherhechelt, kann das einem Vulkanausbruch schon sehr nahekommen. Dem armen Mädchen war damals nichts anderes übriggeblieben, als ins Meer zu springen und sich in eine Insel zu verwandeln. Anders konnte sie sich vor den göttlichen Zudringlichkeiten nicht schützen. Ziellos trieb sie auf hoher See umher. Aber trotz ihrer eigenen Not gewährte sie der hochschwangeren Leto Asyl, ebenfalls eine Geliebte des Zeus und ebenfalls auf der Flucht. Allerdings nicht vor ihm, sondern vor seiner eifersüchtigen Frau. Auf der Insel schließlich konnte Leto in Ruhe Apollon und Artemis gebären. Und auch Asteria fand ihre Ruhe. Vier Säulen wuchsen aus dem Meer und hoben sie etwas an, damit sie sichtbar wurde. Sichtbar heißt auf griechisch delos. So wird die Insel heute noch genannt. So hat die Kykladeninsel Delos also tatsächlich etwas mit dem Olymp zu tun. Aber eher durch die Eingriffe des Zeus als aufgrund tektonischer Verschiebungen.

Die Meteorologen verhalten sich bei ihrer Auseinandersetzung mit dem Olymp nicht viel besser als die Geologen. Mit Hilfe von Großwetterlage, Strömungsverhältnissen und dem durch die Nähe zum Meer bedingten extremen Höhenunterschied wollen sie die Tatsache erklären, daß die Gipfel des Götterbergs meist von Wolken verhangen sind. Was da die alten Hellenen von ihrem Berg zu erzählen haben, klingt einleuchtender. Er sei, das müßte eigentlich jeder wissen, der Sitz der Götter. Die Horen, für die Jahreszeiten verantwortlich, achten peinlichst darauf, die Tore des Olymps mit ihren goldenen Wolken verschlossen zu halten, um die Götter vor den neugierigen Blicken vorwitziger Menschen (und Meteorologen) zu schützen. Geöffnet werden die Pforten nur, wenn eine der zwölf Gottheiten ein- oder auszugehen beabsichtigt.

Ob man im Himmel ist, hat man den höchsten der 62 Gipfel des Olymps, den 2917 hohen Mytikas, bezwungen, ist die Frage. Zwar sollen dort der Thron des Zeus und die prächtigen Paläste stehen, die Hephaistos gebaut hatte, damit die Götter ein wahrhaft göttliches Leben führen konnten, doch die meisten Besucher, die Jahr für Jahr hinaufsteigen, sehen nichts davon. Vielleicht weil sie plattentektonische Verschiebungen im Kopf haben und weil sie an Kalkstein und Dolomit denken. Oder weil sie nach den 1800 verschiedenen Pflanzenarten Ausschau halten, die auf dem Berg registriert worden sind oder nach Adlern, Geiern, Bussarden, Falken, Wölfen, Füchsen, Kojoten, Rehen, Steinböcken, Wildschweinen, Schakalen, Dachsen, Mardern, Iltissen, Hasen oder Smaragdeidechsen, die ebenfalls den Olymp bevölkern.

Wer den Kopf nicht frei hat, wird auch die Götter nicht sehen. Das ist spätestens seit Otos und Ephialtes bekannt. Die Zwillinge, Söhne des Poseidon und der Iphimedeia, zwei Giganten, waren bereits mit neun Jahren sechzehn Meter groß. Unsterblich in Hera und Artemis verliebt, wollten sie die beiden Göttinnen entführen. Als sie auf dem Olymp keine göttlichen Spuren fanden, kamen sie zu dem Schluß, daß der Himmel höher liegen müsse, und versetzten Berge. Sie türmten den Ossa und den Pelion auf und versuchten, den Himmel zu stürmen. Es sollte ihnen nicht gelingen. Während des Aufstiegs ließen Apollon und Artemis eine Hirschkuh zwischen beiden hindurchlaufen. Otos und Ephialtes warfen ihre Speere nach dem Tier, verfehlten es und trafen sich selbst. Für ihre Vermessenheit leiden sie seitdem im Reich des Totengottes Hades, an einen Pfahl gebunden und von Schlangen umwunden.

Einfach ist die griechische Mythologie nicht, denn es gibt eine Vielzahl von Haupt-, Halb-, Neben- und Naturgöttern. Aber vergeistigt, kühl oder unmenschlich scheint es weder auf dem Olymp noch auf Erden zugegangen zu sein. Natürlich wurden die Götter geehrt und gefürchtet, in gewisser Beziehung zumindest. So vermied man es, Hades, den Gott des Totenreiches, bei seinem Namen zu nennen, und sprach euphemistisch von Pluton, dem Reichen. Und man fürchtete den Zorn der Götter, die Donnerkeile des Zeus, die Fesseln des Hephaistos. Man hatte Angst vor ihrem Egoismus, ihrer Skrupellosigkeit und ihren Launen. Aber letztendlich waren die Götter dann doch zu menschlich, um als ehrwürdig im eigentlichen Sinne zu gelten. Liebschaften zwischen Göttern und Sterblichen waren eher die Regel als die Ausnahme: Manch Irdischer hat eine heiße Nacht mit Zeus oder Aphrodite verbracht und vielleicht sogar einen Halbgott gezeugt oder empfangen. Keine Spur von Distanz, auch nicht von abstraktem Glauben. Die Griechen glaubten nicht, sie wußten.

Jedermann mit dem nötigen Kleingeld konnte über ein Orakel einen Gott um Rat fragen. Viele ließen sich nur zu gerne auch auf kausale Versprechungen ein: Wenn du mir bei dieser oder jener Angelegenheit hilfst, dann, lieber Zeus, liebe Artemis, werde ich dir zwei Ochsen opfern (sonst nicht!). So mancher Gott konnte da nicht widerstehen, ließ jegliche göttliche Zurückhaltung sein und machte bei dem Deal mit. Denn für Götter gab es nichts Schöneres, als sich am wohlriechenden Rauch gebratenen Fleisches zu erfreuen, Nektar zu trinken, vom Olymp auf die Erde herabzublicken und ein bißchen in den Geschicken der Menschen mitzumischen. Gewarnt sei jedoch vor Vermessenheit: Gehorsam verlangen die Götter, und Berge versetzen wollen sie selbst.