Düsseldorf

Mit jedem neuen Sieg in Nordrhein-Westfalen hat Johannes Rau die Frage nach dem Geheimnis seines Erfolges heftiger provoziert. Nun will er zum vierten Mal die absolute Mehrheit für die Sozialdemokratie gewinnen. Die Gründe dafür, daß ihm dies gelingen könnte, aber bleiben vielen noch immer unerfindlich. Das Phänomen Rau, ein Produkt politischer Zauberei? Deutschlands beliebtester Politiker, ein Magier des Stimmenfangs? Schon ein einziger Tag im Leben des Wahlkämpfers, letztlich gar nur drei Schlüsselszenen aus seiner täglichen Wahlkampffron mögen die Lösung des Rätsels erleichtern.

Der Landesvater. Im Antonius-Saal der Düsseldorfer Kirchengemeinde Maria unterm Kreuz haben sich gut hundert Rentnerinnen und Rentner zum Frühstück mit dem Ministerpräsidenten eingefunden. Ein erzkatholischer Rahmen für den evangelischen Sozialdemokraten. Der Pfarrer als Hausherr sieht darin kein Problem. Er freut sich über den "hohen Besuch" und begrüßt ausdrück-lich den bekennenden Protestanten. Der wärmt erst einmal die Stimmung auf, mit Anekdoten über seinen gedrängten Tagesablauf und seine junge Familie. Die Alten danken es mit fröhlicher Zustimmung.

Dann verkauft Rau Politik auf seine Art: anregend und beruhigend zugleich, wie ein Seelsorger im halbmissionierten Gelände. Nein, mehr Polizisten brauche das Land wirklich nicht, das habe sogar ein unabhängiger Prüfer bestätigt. Ja, NRW habe tatsächlich mehr Wohnungen gebaut und Kindergartenplätze eingerichtet, als versprochen worden seien. Nein, er sei kein "Liebediener des Kommunismus", wie der Bundeskanzler behaupte, denn, "streng vertraulich, ich habe Honecker nicht nach Bonn eingeladen". Ja, er sei stolz auf die Jugend an Rhein und Ruhr, sie sei engagiert und idealistisch; allein für den Bau von Kindergärten in Rumänien hätten sich mehr als tausend junge Menschen gemeldet. Zum Schluß noch eine herzerwärmende Botschaft an die alten Leute: Ihre Rente sei kein Gnadenbrot, "sondern ein kleiner Dank dafür, daß Sie unser Land wieder aufgebaut haben". Dann muß der Theaterdirektor Rau zum nächsten Termin eilen. Er hat allen etwas gebracht, und jeder geht zufrieden aus dem Haus.

Der Staatsrepräsentant. Eröffnungsreden gehören zu den Standardpflichten eines Ministerpräsidenten. Womit aber läßt sich die geballte Ansammlung von Männern im grauen Flanell beeindrucken, die zur größten Druck- und Papier-Messe der Welt nach Düsseldorf gekommen ist? Zur Auflockerung der Beethoven- und Buchsbaum-Atmosphäre empfiehlt sich erst einmal ein Schuß Selbstironie. Wie sagte doch der englische Minister? Mit Eröffnungsreden wird mehr Zeit verplempert als bei Streiks. Nach solchem Start verliert auch das Loblied auf Nordrhein-Westfalen an Aufdringlichkeit. Das Land sei längst kein Koloß mehr aus Kohle und Stahl, erfährt das internationale Publikum. Es sei ein Tausendfüßler mit Hochtechnologiefirmen und erfindungsreichen Unternehmern. Natürlich darf auch die Würdigung der versammelten Branche nicht fehlen, die Vorhersage, daß Bücher und Zeitungen den Ansturm der elektronischen Kommunikation glänzend überstehen werden. Als Rau eine Mineralwasserflasche auf dem Rednerpult umstößt, während er gerade über die Bundesregierung spricht, bietet es sich an, auf den Nutzen verschwundener Flaschen hinzuweisen. Die Zuhörer lachen dankbar. Sie haben einen Politiker mit Humor erlebt.

Der Humanist. Am Tag zuvor hatte der Bundesaußenminister in der gleichen Situation eine peinliche Figur gemacht. Jetzt steht Johannes Rau neben dem Dalai Lama, und der erklärt ihm die Symbolik seines Geschenkes. Den weißen Schal, den Klaus Kinkel fast erstarrt entgegengenommen hatte, läßt sich der Ministerpräsident im Westfalia-Saal des Dortmunder Rathauses erfreut umlegen. Frei von diplomatischer Rücksichtnahme würdigt er die Bedeutung "Seiner Heiligkeit" für die Welt. Nur drei, vier Sätze braucht er dazu - den Hinweis auf die chinesische Unterdrückung Tibets, die das geistige Oberhaupt der Tibetaner dennoch nicht zum Haß verleitet habe, und ein Lob für den Mut eines Mannes, "der uns allen mit seinem Beharren auf Versöhnung und Friedensliebe etwas zu sagen hat". Das Portrait en miniature wird unpathetisch vorgetragen. Aber den meisten Anwesenden hat es wohl zum ersten Mal den Rang des schelmisch lächelnden Fremden vor Augen geführt.

Drei Szenen eines Wahlkampftages, an dem Rau noch ein halbes Dutzend anderer Termine hinter sich bringt. Jeder der Auftritte verlangt einen anderen Ton, doch das richtige Wort ist stets parat. Der Wahlkämpfer meistert alle Verpflichtungen, ohne Anzeichen von Müdigkeit oder Langeweile. Solcher Einsatz kann nur erstaunen bei einem Politiker, der schon eine lange Strecke zurückgelegt hat: 37 Jahre im nordrhein-westfälischen Landtag, 25 Jahre in der Regierung, 17 Jahre Ministerpräsident - da müßte doch jede Begegnung mit den Wählern zur bitteren Pflicht und jede Rede zur Routine werden. Vor allem müßte längst die Lust am Amt geschwunden sein.